Über Munch, die Sonne und den Mond
Carl Heinrich Hudtwalcker, 1912 – 1991

Ich wurde 1912 in Christiania geboren. Mein Vater stammte aus Hamburg in Deutschland, und meine Mutter war Norwegerin. Sie lebten acht Jahre lang in Christiania. Ich wurde hier geboren, aber danach kehrten sie wieder nach Hamburg zurück. Ich glaube, meine Eltern haben sich auf einem Ball kennengelernt. Meine Mutter reiste mit einer Tante nach Hamburg, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden oder dergleichen. Mein Vater war Fischhändler – im Tran- und Fischölgeschäft –, wie schon sein Vater und dessen Vater vor ihm und so weiter. Sie lernten sich in Hamburg kennen, verlobten sich, wie man es damals eben tat, und danach begab sich mein Vater auf eine Weltreise. Als er zurückgekehrt war und sich niedergelassen hatte, heirateten sie und ließen sich hier in Oslo nieder (das damals nach dem dänischen König Christian noch Christiania hieß).
Ich glaube, sie haben sich hier niedergelassen, weil sie Norwegerin war und er Hamburg für eine Weile verlassen wollte. Er dachte wohl auch, dass die geschäftlichen Aussichten (für Fischöle) hier besser stünden als in Hamburg. Als er hier in Oslo lebte, lernte er Edvard Munch kennen. Ich würde sagen, er sah diese Diorama-Ausstellung, ich glaube die erste, und war sofort fasziniert von ihm. Es mag über Pola Gauguin gewesen sein, dass er das erste Mal mit Munch in Kontakt kam. Ich weiß es nicht genau, aber er freundete sich jedenfalls sehr eng mit Pola Gauguin an.
Seine Reaktion auf die Diorama-Ausstellung? Nun, er sagte, es sei etwas völlig Neues gewesen. Er kam aus Hamburg, aus einer viktorianischen Atmosphäre – wie soll ich sagen? – sehr moralisch, sehr kleinbürgerlich? Und die Moralvorstellungen in Hamburg waren sehr streng. Es war also eine ganz neue Erfahrung.
Was andere Leute über die Ausstellung dachten? Ich weiß, dass die Zeitung Aftenposten schreckliche Dinge darüber schrieb. Und was Hamburg betrifft, so weiß ich, dass meine Verwandten, wenn sie zum Sonntagsnachmittagstee oder ähnlichem eingeladen waren, sagten: „Oh, was ist das denn? Der muss ja völlig verrückt sein!“
Ich glaube, die Diorama-Ausstellung war 1906 oder 1908 oder um den Dreh herum. Ich kann nicht genau sagen, in welchem Jahr er Munch kennengelernt hat, aber es muss auf jeden Fall vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Und sie wurden wahrscheinlich von Pola Gauguin einander vorgestellt. Munch und mein Vater trafen sich sehr oft. Und dann freundete sich mein Vater eng mit Ludvig Ravensberg an, einem Cousin von Munch, der ebenfalls Maler war. Ravensberg war ein sehr gebildeter und kultivierter Mann. Er lebte völlig zurückgezogen, ganz zu Anfang noch bei seinen alten Eltern, und er war so schüchtern, dass er es nie wagte, seine Gemälde jemandem zu zeigen. Mein Vater erzählte, dass Munch darüber lachte und sogar behauptete, Ravensbergs Mutter habe seinen Namen sowie „links“ und „rechts“ in seine Socken eingewebt, damit er wisse, welcher Socke an welchen Fuß gehöre.
Auf gewisse Weise war er wohl der erste Kunsthändler für Munch. Er war der Mann, der Skrubben in Kragerø ausfindig machte – das Haus, in dem Munch wohnte, nachdem er von seinem Krankheitsaufenthalt in Kopenhagen nach Norwegen zurückgekehrt war. Ravensberg war nur schüchtern, was seine eigenen Sachen anging, keineswegs schüchtern, wenn es um die Werke anderer ging, wie zum Beispiel Munch. Er hat Munch wohl viel Gutes getan, denke ich. Er stellte ihn Stang und anderen wichtigen Persönlichkeiten wie Jens Thiis vor, die die ersten Sammler von Munchs Gemälden waren. Erst als er als ein Mann von 80 Jahren heiratete, hatte Ravensberg schließlich den Mut, seine Bilder anderen zu zeigen. Für Munch war er Familie. Er kannte ihn und wusste, dass er ein sehr, sehr bedeutender Mann war, der viel von Kunst verstand.
Ich war damals nicht hier in Oslo, sondern lebte einige Jahre in Hamburg. Mein Vater war dreimal im Jahr für ein bis zwei Monate hier, um nach seinem norwegischen Geschäft zu sehen, und dann rief er Munch an oder Munch ihn. Ich weiß, dass die Dame, die damals im Büro arbeitete, Munch mitteilen musste, dass mein Vater hier war, und wenn Munch angerufen hatte, musste mein Vater – husch! – sofort los. Munch konnte dann nicht warten.
Als ich die Bekanntschaft von Munch machte, sprach er nie über seine Kunst, sondern über andere Dinge wie Steuern. Er war sehr beschäftigt mit den Steuern. Und er ging nur an wenige Orte, in einige Restaurants in Oslo. Darunter war eine Kneipe namens „Original Pilsen“ in der Tollbugaten, nahe dem Hauptpostamt und dem Hafengebiet. Die Kneipe hieß so, weil sie dort zeitweise originales Pilsner Bier aus der Tschechoslowakei verkauften. Der Hauptpunkt für Munch war jedoch, dass ihn dort niemand kannte. Er ging auch ins „Engebret“ in der Nähe der Zentralbank. Er hatte sogar seine eigenen Straßen, von denen er wusste, dass er dort keinen Menschen begegnen würde. Er war zu feinfühlig für solche Begegnungen. Mein Vater ging oft mit ihm in Restaurants. Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben. Väter erzählen ihren Kindern nicht alles, oder?
Ich traf Munch in Ekely, wo er lebte und sein Atelier hatte. Mein Vater nahm mich mit dorthin. Zu dieser Zeit hatte Munch ein Augenleiden und trug eine Augenklappe wie ein Pirat. Ich war ein junger Mann von Anfang zwanzig, und ich erinnere mich, dass Munch eine Flasche Weißwein in seiner Badewanne hatte, um sie zu kühlen. Und dann tranken wir drei ein Glas zusammen. Ich wusste vor unserer Begegnung nicht viel über Munch. Ich lebte damals in Deutschland, und dort sprach niemand von Munch. Aber ich war davon beeindruckt, was für ein schöner und stattlicher Mann er war. Ich selbst hatte nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten, eines seiner Werke zu kaufen. Und dann kam Hitler, und mein Vater musste seine Gemälde in einem Banktresor unterbringen, was den Bildern nicht guttat, da der Tresor feucht war. Nach dem Krieg zogen englische Truppen in sein Haus ein; das ertrug er nicht, und er verkaufte sie. Meine Mutter starb früh, mein Vater heiratete wieder, und seine zweite Frau geerbt alles.
Meine Gedanken über Munch? Nun, wenn man älter wird, ändern sich die Ansichten über viele Dinge. Am Anfang dachte ich natürlich, er sei ein seltsamer Mann. Aber ich mochte ihn sehr, und ich sah ihn von Zeit zu Zeit hier in den Straßen, und er war immer sehr nett, sehr sanftmütig.
Der in Deutschland geborene Künstler Rolf Nesch lebte in Hamburg, und er musste fliehen – oder glaubte es zumindest –, und da mein Vater ihm von Munch und Norwegen erzählt hatte, zog er dorthin. Er wollte auf Husbergøya leben, einer Insel kurz vor Oslo, wo wir damals unsere Fabrik hatten, aber das ist im Winter unmöglich. Deshalb hatte er dann ein Haus auf Nesøya, das in der Nähe von Sandvika liegt. Und als ich 1934 nach Norwegen kam, wohnte ich in seinem Haus. Ich mietete ein Zimmer in Neschs Haus, und Nesch und ich waren zu dieser Zeit sehr viel zusammen.
Ob Munch Nesch kannte? Ja. Nesch besuchte ihn, aber es kam nichts dabei heraus. Es war unmöglich, aber alle Maler, die Munch besuchten, sagten: „Oh!“, und meinten hinterher, dass Munch sie sehr ermutigt habe.
Munch sagte eines, woran ich mich sehr gut erinnere: „All diese Reproduktionen haben Raffael nicht gutgetan.“ Ich frage mich oft, was er wohl jetzt denken würde, wenn er all die Reproduktionen seiner eigenen Werke sähe. Aber man kann die alten Zeiten nicht zurückholen. Er interessierte sich sehr für Raffael und Michelangelo und all die großen italienischen Künstler. Und natürlich für Toulouse-Lautrec mit seiner Linienführung. Von all dem wurde er beeinflusst. Er sah Gauguin und Manet, als er in Paris lebte. Jemand – ich glaube, es war ein deutscher Galerist – sagte einmal, Munch sei ein Mann gewesen, der immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort lebte. Und da könnte etwas dran sein. Berlin, als Strindberg und Przybyszewski dort lebten, und dann Paris.
Er nahm an diesem Wettbewerb für die Aula-Gemälde teil, wurde aber nicht ausgewählt. Ich glaube, es gab viele Streitigkeiten. Dies war, und ist immer noch, ein kleines Land und eine kleine Stadt, und es herrscht viel – nicht nur Konkurrenz –, sondern Neid untereinander, und Munch war allein. Soweit ich weiß, nahm er nicht am Künstlerleben der Stadt und solchen Dingen teil. Er gehörte keiner Gruppe an. Kurzfristig war das für ihn vielleicht eine Art Nachteil. Er war viel mehr – er hatte auch ein ganz anderes Format als die anderen. Sie konnten nicht miteinander kommunizieren, denke ich. Aber er interessierte sich sehr für Hans Jæger, der ebenfalls ein einsamer Mann war.
Ob die Menschen ein Gefühl der Ehrfurcht vor Munch hatten? Oder ob sie dachten, er sei ein Meister? Nun, wahrscheinlich die anderen Künstler. Die übrigen Bürger hatten gehört, dass er in anderen Ländern Ansehen genoss und dort anerkannt war, und so sahen sie ihn mit anderen Augen an.
Beeindruckt? Vielleicht. Es muss für Munch furchtbar schwer gewesen sein, sein Testament zu schreiben und herauszufinden, was er mit den Sachen machen sollte. Pola Gauguin war einer seiner engsten Freunde, und es war ein furchtbares Durcheinander – alles. All seine wunderschönen Drucke lagen einfach so herum – in einem Haus, das für jeden offen stand, keine Polizei, nichts.
Ich glaube nicht, dass er seine Drucke absichtlich so herumliegen ließ. Er hatte einfach nicht die Kraft dazu, Ordnung zu halten. Er war ja auch kein Kurator. Er war kein Museumsdirektor. Er war ein Mann, der schuf.
Er hatte früher einmal gesagt, man müsse alles im Zusammenhang sehen, so als ob er eine große Ausstellung all seiner Sachen machen wollte oder so etwas. Alles. Er war wie Picasso; er arbeitete jeden Tag. Nichts anderes. Er hatte also keine Zeit, die Dinge zu organisieren. Aber er hob alte Briefe auf, einfach alles, ich glaube, er hat nichts weggeworfen.
Und was das Aufbewahren seiner Gemälde im Freien betrifft: Er hatte nicht die Mittel, ein besseres Atelier einzurichten, als das, welches er besaß. Die Werke für die Aula-Sammlung waren so groß, dass es unmöglich war, sie im Haus unterzubringen. Aber später ließ er dieses Atelier bauen – das, welches heute noch in Ekely steht –, und dort waren die Bedingungen viel besser.
Woher kommt das eigene Interesse? Man ist ein Produkt seiner Eltern. Man ist ein Produkt seiner Lebensumstände. Man ist ein Produkt der Sonne, des Mondes und der Sterne zum Zeitpunkt der Geburt. Es gibt viele Erklärungen. Man weiß es nie.
Basierend auf einem Interview mit Carl H. Hudtwalcker von Sarah G. Epstein und Leslie Prosterman in Oslo am 20. Juni 1984.

Aus dem englischen Originaltext übersetzt, der 2019 auf dieser Seite veröffentlicht wurde.
www.hudtwalcker.com 2026