Tagebuchblätter aus Lofoten 1936

Carl Heinrich Hudtwalcker, 1912 – 1991

Die Hudtwalcker-Mappe. Das Titelblatt der Lofoten-Serie.
Die Hudtwalcker-Mappe. Das Titelblatt der Lofoten-Serie.

1. April, Mittwoch

Die Reise soll nach den Lofoten gehen und das Boot heißt „Irma“ – genau wie Frau Nesch.
Während ich dies schreibe, kreuzt die „Irma“ die Fjorde, und Jascha Heifetz [1] spielt im Radio. Der Lautsprecher unterhält uns schon seit heute Vormittag. Das ist es, was man Zivilisation nennt. Ich erinnere mich, dass ich Heifetz das erste Mal in München hörte, bevor wir auf den sogenannten Ungarnball gingen. Später hörte ich ihn in der Aula in Oslo. Heifetz ist der größte Geiger, den ich kenne, und selbst hier im hohen Norden und trotz der mechanischen Wiedergabe wirken seine Töne wieder zauberhaft.
Am Sonntagabend hatte Nesch eine Schar junger Künstler in die „Villa Grønsund“ eingeladen. Unter den Gästen waren die Maler Erling Enger, Sigurd Winge und Olav Strømme sowie der Schwede Borg mit Damen. Zusammen mit Borg war seine Verlobte, genannt Birgit, gemäß den Holzschnitten, die Edvard Munch von ihr angefertigt hat. Sie war ganz bezaubernd, zart, rührend und klein wie H. C. Andersens Däumelinchen (Tommeliten).
Aber ich will von der Reise erzählen.

Montagabend wurde noch ein Abschiedsessen abgehalten, und danach wurde gepackt. Vor Aufregung konnte ich fast nicht schlafen.
Am nächsten Tag nach Büroschluss (wir hatten noch einen Auftrag von einer deutschen Lederfabrik erhalten) mit Lindeman [2] und Nesch zu „Blom“ [3] , wo wir natürlich Pola Gauguin [4] trafen. Gauguin hatte seinen Stammtisch bei „Blom“. Lindeman spendierte einen Abschiedstrunk. Und dann zum Ostbahnhof. Nesch

hatte einen Sitzplatz, ich hatte einen Schlafwagen 3. Klasse.
Halb acht – Trondheim, Regen.
Trotzdem fanden wir die Stadt wunderschön und norwegischer als Oslo. Wir brachten unsere Sachen auf der „Irma“ unter und gingen durch die breiten Straßen der Stadt zur berühmten Domkirche, von der Nesch sehr begeistert war. Besonders vom Baumaterial, laut Baedeker [5] Speckstein und Marmor von einer Insel in Nordnorwegen. Wunderschöne alte Köpfe und Bandmuster.
Nesch begann sofort, auf seinen kleinen, glänzenden Kupferplatten zu radieren. Danach Frühstück am Hafen. Das große und gemütliche Boot „Irma“ verließ den Hafen, nachdem es Appelsinen, Glühbirnen und viele andere Dinge geladen hatte. Aber um halb zwölf begann die Reise durch den Trondheimsfjord und eine wunderschöne Landschaft in fantastischen Beleuchtungen.
Fischerboote. Kleine Siedlungen. Leuchttürme. Klippen wie kleine Wale.

Rolf Nesch radiert auf der Hurtigruten am Kai in Trondheim.
Rolf Nesch radiert auf der Hurtigruten am Kai in Trondheim.

2. April, Donnerstag

Wir haben 10 Passasjerer an Bord, 5 davon sind norwegische Großkopferte (storkarer), die dasitzen und endlos über das Storting, Gesellschaftsskandale etc. reden.
Gestern Abend wurde das Wetter ziemlich schön. Der Mond warf ein eigenartiges, milchweißes Licht über die Landschaft. Mein Vater [6] hatte mich vor dem Foldafjord gewarnt, und dort bekamen wir Dünung. Gleich danach begann es mit einer Art gefrorenem Schnee zu stürmen. Wir kamen stark verspätet nach Rørvik, und es war für das Boot schwierig, an den Kai zu kommen, weil dort noch ein anderes Boot lag und löschte. Es sah fantastisch aus, wie man in aller Eile unter den elektrischen Lampen am Löschen und Laden arbeitete. Zwei fertig geschlachtete Schweine kamen mit Schnee darauf an Bord!
Jetzt heute Morgen tiefster Winter mit Eis auf dem Deck. Die Landschaft ist völlig unglaublich. Alles ist jetzt unter Schnee. Schneesturm wechselt sich mit Sonne ab. Überall kleine Häuser, teils in großem Abstand. Wir begegneten mehreren Fischerbooten mit gesetzten Segeln.

Rolf Nesch.
Rolf Nesch.

3. April, Freitag

Nach Bodø im Schneesturm. Wir bekamen nicht viel von der Stadt zu sehen, und wir hatten nur eine halbe Stunde Aufenthalt. Dann ging es hinaus auf den Vestfjord. Es wehte ein kleiner nordwestlicher Steifwind (kuling). Kalt und nicht besonders gemütlich. Um 18 Uhr kamen die Lofoten in Sicht. Gegen 18.45 Uhr waren wir in Stamsund.
Dort gingen wir bei starkem Nordwestwind mit Schnee an Land. Vom Postamt aus telefonierte ich mit Peder Haug in Ballstad. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die drei Telefondamen die Verbindung hergestellt hatten. Aber es kostete nur 30 Øre. Zudem verging die Zeit wie im Fluge in dem kleinen Raum, in dem viele Fischer in Ölzeugen saßen und männliche Gespräche führten („Gespräche der Männer unter sich“, wie Nesch es nannte, frei nach Brecht). Sie hatten zudem eine unvergleichliche Art, Telefongespräche bei den drei Damen anzumelden, ohne die Telefonnummer zu kennen.
Ich sprach also mit Peder Haug und sagte, dass wir nicht mehr weit entfernt seien. Peder Haug ist der Verwalter des Fischereidorfes Kræmmerviken, das der Firma W. A. Mohn aus Bergen gehört.
Dann fuhren wir mit einem Taxi über den Berg im Schnee auf einer sehr schmalen und abenteuerlichen Straße in beeindruckendem Tempo und wurden in Kræmmerviken von Herrn und Frau Haug empfangen. Sie hatten ein gemütliches Holzhaus. Und wir bekamen Abendbrot.
Nesch war voller Unruhe und Spannung über die abenteuerliche Lofotenlandschaft, die noch viel abenteuerlicher war, als er geglaubt hatte.

Das Åttringen-Boot (der Achtruderer) läuft in den Hafen von Kræmmerviken ein.
Das Åttringen-Boot (der Achtruderer) läuft in den Hafen von Kræmmerviken ein.
Rolf Nesch mit Fotokamera und der Tasche mit Radierwerkzeugen.
Rolf Nesch mit Fotokamera und der Tasche mit Radierwerkzeugen.
Bei den Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.
Bei den Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.

Freitagabend

Wir schliefen hervorragend unter schweren Wolldecken, und am nächsten Morgen servierte uns Frau Haug Kaffee ans Bett. Als wir uns wuschen, zitierte Nesch Gedichte von Uhland [7] und Schiller.
Nach dem Frühstück zeigte uns Haug die Rorbuden von Kræmmerviken.

Bei den Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.
Bei den Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.

Wir sahen zwei Jungen, die die Leinen köderten, und als Köder verwendeten sie gefrorenen Hering, der an den Haken befestigt wurde. Bis zu 700 Köder an einer solchen Leine, die dann kunstvoll in einer Bütte abgelegt wurde. Muscheln werden ebenfalls als Köder verwendet. Peder Haug erzählte, dass he einmal mit eigenen Augen gesehen hatte, dass einige Fischer in einer Zeit, als der Dorsch gut biss, die Leinen mit Rosinen geködert hatten. Die Fischer schlafen in diesen Buden in Kojen unter dem Dach. Sie haben einen kleinen Herd und versorgen sich selbst.
Ab und zu schneite es stark.
Die Bucht oder der Wik (daher vermutlich Kræmmerviken) ist von solchen Buden eingerahmt. Direkt hinter den Buden erheben sich die Berge. Es ist nur Platz für die Trockengestelle, an denen die Fische paarweise zum Trocknen aufgehängt werden.

Gegen 12 Uhr kamen die Fischer vom Fanggrund herein. Sie waren früh am Morgen ausgefahren, um Leinen und Netze zu setzen und diejenigen vom Vortag einzuholen. Zwischen motorisierten Booten (tuck-tuck-tuck) auch Ruderboote, Nordland-Jachten. Haug erzählte von der Kameradschaft unter den Fischern und dass die Motorbootleute die Ruderboote in den Schlepptau nahmen, wenn sie darum gebeten wurden. Ein regelrechtes Schauspiel zu sehen, wenn die Fischer hereinkamen, nasse und triefende Ölzeuge mit Südwester und riesigen Fäustlingen. Bald lag eine Menge Dorsch auf dem Holzboden in unserer Bude. Die Fischer warfen sie mit Stöcken, die an einem Ende mit Haken versehen waren, von ihren Booten hoch, entweder durch offene Budentüren oder durch Luken im Boden.
Viele Fische wurden bereits an Bord geköpft, und Rogen und Leber wurden in speziellen Holzbütten oder Fässern sortiert. Die Köpfe werden an einer Leine hochgezogen, die durch die Kiemen gefädelt wird, das sieht abscheulich aus. Die Fische, die im Ganzen hochkommen, werden hier in der Bude aufgeschnitten, die Innereien werden herausgenommen, die Köpfe werden abgetrennt. Alles geschieht mit artistischer Sicherheit.

Eine Ladung Dorschköpfe.
Eine Ladung Dorschköpfe.

Ein älterer Mann, der selbst einem Dorsch ähnelte, unrasiert und mit blinzelnden Augen, stach den Dorsch immer durch die toten Augen, wenn er ihn weiterwarf. Das erzeugte ein seltsames Geräusch. Die Dorsche wurden gewogen, immer einhundert Kilo auf einmal, und dann wurden sie weiter in große Wasserbottiche geworfen. Von dort gelangten sie auf einen Schlitten oder Karren, den einige alte Männer mithilfe von Fjordpferden zu den Trockengestellen fuhren, wo der Fisch zum Trocknen aufgehängt wurde. Dort hängen sie wie Weintrauben. Auch die Köpfe wurden auf die gleiche Weise aufgehängt.
Ein gewaltiges Leben und Arbeiten. Nesch zeichnete, die Fischer standen im Halbkreis um ihn herum mit großen, treuherzigen Augen.
Unglaublich zu sehen, wie sicher die Fischer mit den kleinen Booten vorankommen, die so beladen sind, dass fast das gesamte Boot unter Wasser liegt.
Zum Abendessen bekamen wir „gekochten Dorsch“ wie nie zuvor, unglaublich zart und köstlich. Danach schliefen wir ein wenig, schrieben und hörten Radio. Das Radio spielt hier eine sehr große Rolle, besonders die Wetterberichte und Berichte über den Verlauf des Fischfangs.
Peder Haug sagte: „Ohne das Meer könnte ich weder leben noch wirtschaften.“ – Der Aufseher sagte: „Wetterberichte, ja, die sind gut, aber sie kommen in der Regel zu spät. Sie entschuldigen sich damit, dass der Direktor der Wettervorhersage gerade nach Oslo gereist ist.“

Verwalter Peder Haug.
Verwalter Peder Haug.

Am Nachmittag waren wir in einer „Netzbude“. Dort saß ein alter Mann mit einem prächtigen Schnurrbart und knüpfte Netze. Es war sehr gemütlich in dem kleinen Holzhaus. Die Besatzung eines Kutter wohnt zusammen in einer solchen Bude. Die Miete ist nicht höher als 5,– kr pro Person. Es wird „auf Kreide“ geschrieben und am Ende der Saison abgerechnet. So läuft es auch beim Kaufmann, der mit solchen Kreditbüchern arbeitet.
Wenn der Fischfang schlecht ist, kommt es vor, dass nicht viel übrig bleibt. Haug erzählte, dass eine ganze Besatzung am Ende der Lofoten-Saison 2 Kronen übrig gehabt hatte.
In Bezug auf den Fischfang ist noch hinzuzufügen, dass die Fischer ihre Leinen und Netze auf dem Fanggrund selbst im Nebel mithilfe von Uhr und Kompass wiederfinden.
Sehr wichtig sind die Möwen, die „Lofoten-Tauben“, die teils sehr groß sind und den ganzen Tag einen kolossalen Spektakel veranstalten.
Ein besonders fetter Dorsch wog 20 kg.
Heute Abend gibt es einen Vortrag von einem Herrn Coucheron-Aamot [8] über Grönland. Plakate mit tollen Fotografien haben seine Ankunft angekündigt. Zudem gibt es ein Gastspiel von „Den sterke William“ (Dem starken William). Norwegens stärkster Mann.

Auf dem Pier in Kræmmerviken: W. M. A. Mohn, Haftor Rasch und Rolf Nesch.
Auf dem Pier in Kræmmerviken: W. M. A. Mohn, Haftor Rasch und Rolf Nesch.

6. April, Montagmorgen

Am Samstag besichtigten wir die moderne Lebertrandampferei, die sich im Besitz der amerikanischen Firma Scott & Browne befindet. Hier wird die frische Leber so schnell wie möglich in großen Kesseln aus Holz bei ca. 90 Grad gedämpft. Die Leber kommt entweder direkt von den Fischern oder von Aufkäufern, die in einem Boot voller Tonnen und Fässer auf der Bucht herumrudern und die Leber von den Fischern kaufen.

Rolf Nesch zeichnet in einer der Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.
Rolf Nesch zeichnet in einer der Rorbuer (Fischerhütten) in Kræmmerviken.

In einer solchen Hitze löst sich die Leber in den Dampfbehältern schnell auf, und der Tran, der daraus austritt, wird in Tanks gefüllt und auf minus 2–3 Grad heruntergekühlt, falls es draußen nicht kalt genug ist. Danach wird der Tran durch eine Presse filtriert und dann in Blechtonnen mit Holzfutteral abgefüllt. Das, was von der Leber übrig bleibt, wird gepresst, und auch dieser Tran wird kaltgeklärt und kann zu Prima-Ware werden. Die Grieben (Grakse), die in den Kesseln zurückbleiben, kommen in einen Griebenseparator, und dort wird der letzte Tropfen Tran herausgeschleudert. Das, was dann noch übrig bleibt, kauft ein Mann, der Presstran herstellt. Alles muss so schnell wie möglich geschehen. Leber von den Netzfischern wird besser bezahlt als von den Leinenfischern (die oft kleiner ist).

Am Nachmittag waren wir in der „Kaffistova“ und sprachen mit mehreren Fischern. Dort hängt ein tolles Fischbild, das ich gerne gehabt hätte.
Ballstad ist durch die Bucht (Vågen) in zwei Hälften geteilt, und man wird von einem 80-jährigen Mann mit einem Bart wie kaum ein anderer übergesetzt. Er rief Nesch hinterher, dass er kein Geld für die Überfahrt bekommen habe. Er ist verheiratet und wohnt etwas weiter landeinwärts. Einige Jungen versuchen, mit ihm zu konkurrieren.
Am Abend blieb keine Zeit für Herrn Aamot. Dafür spielte Peder Haug auf der Geige; „Kjerringa med staven“ und anderes. Er kann auch mit der Geige auf dem Rücken spielen, hinter dem Kopf platziert. Ich spendierte White Horse, was gut gegen Frau Haugs Erkältung war, und danach schliefen wir wie Steine.
In Ballstad gibt es ein tolles Postamt, in dem die Briefe teils vorgelesen werden. Im Fenster liegen viele Briefe aus Amerika und anderen Ländern an „Fischer Jensen auf den Lofoten“ und Ähnliches. Neben der Post und der Kaffistova gibt es die Innere Mission und den Jugendverein, ein Haus, in dem Brot verkauft wird, einen Schuster und den Zahnarzt, der verreist ist.

Aus Kræmmerviken, Ballstad.
Aus Kræmmerviken, Ballstad.

Sonntagvormittag wieder Kaffee ans Bett. Peder Haug spielte Geige und Harmonium und sang Choräle. Sonntagsmittagessen mit Schweinebraten. Fotografierte am Nachmittag. Am Abend hörten wir zusammen mit Haug einen Vortrag eines Sekretärs der Gesellschaft für Rettungskutter. Er wurde in einem neuen, hübschen Holzhaus gehalten, das einen großen Saal für solche Zwecke enthält.

9. April, Gründonnerstag, Sørvågen auf den Lofoten

Der Vortrag war ziemlich amüsant, und das Publikum war noch amüsanter. Die Frauen saßen links, die Männer rechts. Paare und Eheleute auf der Frauenseite. Peder Haug war eine Art Organisator. Danach saßen wir zusammen mit dem Vortragenden bei einer Tasse Kaffee im Keller. Dann gab es eine Tombola. Sehr ruhig und nett. Peder Haug spielte in einem Laienorchester auf der Bühne mit; – hinter einem Vorhang.
Um 23 Uhr abends bekamen wir noch einmal Essen. Haug erzählte und wir tranken einen „Pjolter“ (Whisky-Soda / Cognac-Soda). Dann saßen wir da und warteten darauf, dass das Lokalboot tutete. Es sollte um halb eins hier sein. Gegen halb drei verließen wir Haug, der wahrhaftig wegen uns aufgeblieben war. Ein rührender Mann.
Seht, da kam das Boot. Es schneite schrecklich, und wir wateten durch den hohen Schnee. Niemand von der Besatzung war zu sehen. Ich legte mich in den Salon, den Mantel über mir. Nesch lief noch ein wenig auf dem Deck herum. Wir liefen mehrere Häfen an. Gegen sechs Uhr morgens kam ein Herr in den Salon und fragte: „Wer ist Carl?“ Das war Mohn Senior. Wir waren in Reine, wo Mohn an Bord gekommen war. Das Boot fuhr weiter nach Sørvågen. Die Fischer waren gerade im Begriff auszufahren, und es war ein fantastisches Schauspiel. Wir wurden mithilfe eines Ruderbootes in Sørvågen an Land gesetzt, während Mohn weiter nach Å fuhr.
Wir zogen in das Haus von Frithjof Arntzen, dem wohl das meiste von Sørvågen gehört und der Gäste aufnimmt. Nach den idyllischen Tagen in Kræmmerviken waren wir etwas enttäuscht. Dann gingen wir hinunter zum Kai. Alles ist viel größer hier. Ca. 900 Boote im Hafen. Jede Menge Leben.

Aus Sørvågen.
Aus Sørvågen.

Wir bemerkten besonders eine „Ottring“ (Achterruderer), ein Ruderboot mit Mast für Groß- und Focksegel und zehn Mann Besatzung. Fotografierten die Besatzung von allen Seiten, und Nesch taufte sie „Vikings“, englisch ausgesprochen. Es waren Praktikanten.

Die „Wikinger“ im Åttringen/Ottring-Boot löschen den Fang.
Die „Wikinger“ im Åttringen/Ottring-Boot löschen den Fang.

Abendessen bei Arntzen an einem Table d’hôte zusammen mit ausschließlich norwegischen Gästen, von denen kein einziger ein Wort sagte. Am Nachmittag fanden wir eine sehr gemütliche „Kaffistova“, die sich im Postamt befindet, und freundeten uns mit dem „Kaffeemädchen“ hinter dem Tresen an.

Rolf Nesch mit dem „Kaffeemädchen“ in der Kaffistova in Sørvågen.
Rolf Nesch mit dem „Kaffeemädchen“ in der Kaffistova in Sørvågen.

Der Tresen wirkt wie eine Bar und ist sehr gemütlich. Zudem ein Holzherd. Man bekommt Kaffee und Pflaumengrütze, was für die Fischer die Nummer 1 sein soll. Das Mädchen kam aus Helgeland und hatte ein sehr gutes Händchen für alle Gäste.
Später gab es mehr Kaffee bei Arntzen und einige zerfledderte alte Zeitungen, in denen wir lesen konnten, dass der Völkerbund [9] bald wieder über die Frage der Besetzung des Rheinlandes und Hitlers diesbezügliche Erklärung beraten würde.
Dann kam Mohn und nahm uns mit nach Å auf einer wunderschönen Straße mit fantastischer Aussicht auf die Lofotenwand auf beiden Seiten, das Meer und die Inseln Værøy und Røst. Es war Ebbe, und ein breiter Streifen lag zwischen dem in Abendfarben leuchtenden Meer und den schneebedeckten Bergen. In Å wurden wir von Mohns Gastgeber und Freund Hennum empfangen, bei dem wir in einem sehr originellen Heim festlich bewirtet wurden. Nesch kam richtig in Stimmung. Hennum spielte Chopin auf einem Klavier, das ziemlich verstimmt war. An den Wänden hingen Bilder, die Hennum gemalt hatte, sowie kleine Teppiche, die jedoch keine Teppiche, sondern ebenfalls Gemälde von Hennum waren. Bei dieser Arbeit habe er sich die Augen ruiniert, klagte er, und erzählte von seiner italienischen Mutter. Mohn war ebenfalls blendend aufgelegt, und Nesch wurde fast beschwipst und erzählte Geschichten über Sonja Henie [10] .
Zurück nach Sørvågen im romantischen Vollmond durch diese fantastische Landschaft.

12.APRIL, OSTERSONNTAG, STAMSUND

Der Dienstag brachte schönes, ruhiges Wetter. Eigentlich hätten wir mit einem Fischer auf dem Fanggrund sein sollen, kamen aber nicht rechtzeitig aus dem Bett. Wahrhaftig schliefen Nesch und ich bis halb zwölf. Nach dem Essen ging Nesch zum Zeichnen, aber vorher schauten wir noch beim Kaffeemädchen vorbei. Ich besichtigte die Lebertrandampferei der firma Mohn.
Besuch bei den „Vikings“ in ihrer Rorbude. Sie hatten jede Menge zu tun und volle Bütten mit Leinen. Die Leine wird sorgfältig gelegt, und alle Haken werden mit gefrorenem Hering geködert. Es ging zu wie ein Wirbelwind, und die guten Jungs konkurrierten sogar untereinander, wer zuerst fertig würde, „weil das Gesetz des Wettbewerbs auf dem Meer herrscht“. Wir staunten nur Bauklötze.

Aus Kræmmerviken, Ballstad.
Aus Kræmmerviken, Ballstad.

Am Abend wieder in der Kaffistova, wo wir einige unserer Wikinger-Burschen wiederfanden. Wir saßen zusammen, und sie erzählten von ihren Heimatorten und Kleinbauernhöfen. „Morgen wird das Wetter schön“, sagten sie. Da sollten Nesch und ich mit einem Netzboot ausfahren, das Mohn für uns ausfindig gemacht hatte.
Wegen all dem Kaffee und der Aufregung schliefen wir fast gar nicht. Um fünf Uhr kam der Fischer und warf Schnee gegen das Fenster. Nesch war der Erste aus dem Bett. „Wollt ihr mitkommen, es bläst ein steifer Steifwind?“ „Ja“, rief Nesch.
Da mussten wir uns beeilen. Ich zog drei Pullover übereinander an. Der Fischer warf mehr Schnee und rief, dass wir jetzt wahrhaftig kommen müssten. Keine Zeit fürs Frühstück. Wir zogen Ölzeuge an, die uns Frau Arntzen gegeben hatte, dazu den Rucksack mit dem Frühstück und zwei Thermosflaschen mit Kaffee. Mit dem Ruderboot hinaus zum Kutter. Viele Kutter waren bereits auf dem Weg nach draußen. Überall ertönte es: tuck-tuck-tuck. Im Übrigen wurde es fast nicht gesprochen, alles spielte sich in größter Stille ab. Wir winkten unseren Freunden, den Vikings, zu, die vorbeiruderten. Hinaus aufs Meer. Schnell ein Schluck Cognac. Da war die Brandung. Da sahen wir uns schon etwas an! Vorbei an einer letzten Klippe und dann hinaus mitten hinein. Jetzt begann ein fantastischer Tanz. Zusätzlich zum Sturm, Schneegestöber, der Schnee mitten ins Gesicht. Wir standen hinter dem Steuerhaus und klammerten uns an die Stage.
Unvergesslicher Anblick: unsere Vikings, die wir nun einholten! Plötzlich tauchte ihr Boot aus dem Schneegestöber auf und weg waren sie wieder. Sie kletterten förmlich die Wellenberge hinauf. Wir passierten auch einige Zweimann-Ruderboote. Alle Boote hielten sich unglaublich gut auf dem Meer. So auch unser Kutter, obwohl man oft glaubte: jetzt kippt er um, und das Wasser flutete über das Boot, hin und her. Nach und nach wurde man etwas apatisch. Später musste ich wohl vier oder fünf Mal ran, aber das stärkte in gewisser Weise. Und in diesem Chaos findet der Fischer sein Netz. Plötzlich stellt er den Motor ab und ruft: „Hier sind wir“. Einige aus der Besatzung setzten das Besansegel achtern.
Dort, wo ich stand, bekam ich von Zeit zu Zeit das Wasser ins Gesicht, das sich im Rettungsboot gesammelt hatte.
Und dann zogen sie das Netz. Und nur acht Dorsche, ein sehr schlechter Ertrag. Die Dorsche waren völlig „tot“, als sie an Bord kamen und den Todesstoß erhielten. Sie zogen nur das eine Netz. Das Ergebnis war zu schlecht. Wir machten uns dann auf den Weg zum nächsten Kutter, um zu sehen, wie dieser zurechtkam. Beide Boote tanzten wild. Erst bei der Heimreise gegen halb elf Uhr kam Land in Sicht und es klarte etwas auf. Auf der Heimfahrt führte der 15-jährige Sohn des Skippers den Kutter.

Drei der „Wikinger“.
Drei der „Wikinger“.

Trotz allem war ich froh, wieder in den Hafen zurückzukehren. Durchnässt, und Hände und Füße so klamm, dass ich sie fast nicht bewegen konnte. Vermutlich sahen wir ziemlich mitgenommen aus. Unsere Vikings grüßten uns jedenfalls mit Indianergeheul und fragten besorgt, wie es uns ginge. Wir zogen uns um und versuchten, uns am Ofen mithilfe von Kaffee zu wärmen. Am Ende waren nur noch einige Fingerspitzen wie Eis. Während Nesch die Vikings besuchte, unterhielt ich mich mit einem Kunstmaler namens Rasmussen. Er sah aus wie Ramon Novarro [11] , ein junger Mann ohne Makel.
Dann gab es Pflaumengrütze beim Kaffeemädchen.
Am Nachmittag Spaziergang und Fotografieren. In der Kaffistova saß ein alter Mann mit einem einzigen Zahn im Mund und einem kleinen Hund, der Landschaftsdrucke und Oblaten verkaufte, teils mit religiösen Motiven. Zudem eine Schrift, die einen Mord schilderte, und schließlich konnte er aus den Karten wahrsagen. Am Nachmittag waren wir auf der anderen Seite des Hafens und gingen unter Hunderten von toten Fischkörpern hindurch, die auf den Trockengestellen zum Trocknen hingen. Auf einem Stein zum Meer hin zeichnete und radierte Nesch. Das Wetter war bedeutend besser geworden und unsere Wikingerfreunde waren wahrhaftig wieder ausgefahren. Für sie gilt es, die Leinen zu ziehen, da morgen Feiertag ist. Am Karfreitag ist es nur erlaubt, Leinen und Netze zu setzen.
Wieder Kaffee (in Sørvågen fast 6 Mal am Tag). Bei Arntzen war eine Apothekerin aus Vardø zu Besuch. Was sie über die Lappen erzählte, weckte in uns die Sehnsucht, die Finnmark zu besuchen. Unsere Gastgeberin machte uns mit einem älteren Mann bekannt, der auf dem Hafen damit beschäftigt war, Dorschköpfe abzuschneiden. Er hieß Seivåg und hatte als 60-Jähriger nach einem Schlaganfall zu malen begonnen. Er hatte viel zu erzählen und bewegte nur die eine Hälfte seines Mundes. Wir sahen uns später seine Bilder an, die an mehreren Stellen in Geschäften in Sørvågen hingen, und wir waren auch bei ihm zu Hause. Er hatte sehr hübsche Landschaftsbilder gemalt, zudem zweimal das ermordete Lindbergh-Baby, Frauenporträts (eine französische Dame und eine Schauspielerin) und ein Atlantikschiff. Nesch gab ihm die Adresse des Leiters des Kunstvereins in Hamburg, der möglicherweise an einer Ausstellung interessiert sein könnte. Ich kaufte ein Bild von ihm, das den „Stiefel“ darstellt, eine Felsformation in der Nähe von Sørvågen, und der gute Nesch gab Seivåg ein Buch über alte deutsche Miniaturen.
Nach dem Abendessen waren wir bei unseren Wikingerfreunden und brachten eine Flasche Whisky aus meinem Koffer mit. Die Tochter des Bootsführers (Høvedsmann), die zusammen mit dem Vater in einer Koje schläft, ist sehr süß und hat Bewegungen wie eine japanische Prinzessin. Sie wärmte Wasser auf und dann machten wir Toddy. Wir hatten einen herrlichen Abend mit diesen prächtigen Menschen in der gemütlichen Rorbude, wo die Kojen an den Wänden stehen und unter dem Dach hängen, und wo die Fischer zu zweit zusammen schlafen. Der Toddy schmeckte. Es wurden Fischergeschichten erzählt und Nesch erzählte von seiner Teilnahme am Weltkrieg [12] . Einige der Fischer hatte „Im Westen nichts Neues“ [13] gelesen.
Wir lesen alle Bücher, über die wir danach sprechen können, sagten sie. Zum Schluss ritzten sie ihre Namen auf eine Kupferplatte, die Nesch mitgebracht hatte. Einige waren bereits in ihre Kojen gekrochen, und als wir gingen, hingen mehrere riesige Zehen in den Raum hinein.
Bei Arntzen bekamen wir wieder Kaffee und Likör. Es wurde sehr gemütlich, und Frau Arntzen spendierte noch mehr Likör. Die Stimmung stieg, und wir tanzten zu Musik aus dem Radio und vom Grammophon bis weit in die Nacht hinein.

Aus Sørvågen.
Aus Sørvågen.

Gründonnerstag

Eigentlich hätten wir am Nachmittag abreisen sollen, und die Koffer waren gepackt, als das Boot tutete. Aber Frau Arntzen wollte uns nicht reisen lassen und versprach einen großen Tanzabend. So blieben wir also doch. Am Nachmittag las ich in „Nordlands Trompet“ von Petter Dass [14] . Nesch und Rasmussen sprachen über Kunst, Leinwandmalerei und die „Primitiven“. Dann gingen Nesch und ich wieder spazieren und führten neue Gespräche über – die Kunst. Auf den Straßen eine Menge Menschen: die Fischer in Sonntagskleidung. Viele waren bis weit in die Nacht hinein auf den Beinen, und es gab einige Schlägereien. Einige waren so gut mit Osterbier versorgt, dass sie kaum noch gehen konnten. Unsere Vikings erzählten uns am nächsten Tag, dass es nicht die Fischer gewesen seien, sondern die Einheimischen aus Sørvågen!
Bei Arntzen hielten wir es bis um halb fünd Uhr morgens aus. Die Dame vom Postamt, die wir Fräulein Post getauft hatten, war ebenfalls anwesend, und wie hätten wir ahnen können, dass sie so süß und lustig war?

Karfreitag

Aufgestanden um neun Uhr. Das Kaffeemädchen, das auch bei Herrn Arntzen angestellt ist, brachte Kaffee ans Bett. Herrliches Wetter. Ich besuchte unseren Fischer Rasch, während Nesch weiterschlief. Ich bekam Curaçao. In Rasch’ Salon hing ein Bild von einem Segelboot, in dem Jesus in einem faltenreichen Gewand und mit Heiligenschein über dem Kopf steuerte.
Nach dem Essen bei Arntzen wurde ein wenig mit den anderen Gästen diskutiert, und ein junger, netter Zahnarzt, der zusammen mit seiner Schwester von Ort zu Ort auf den Lofoten reiste, erzählte von einem gewaltigen Konkurrenzkampf mit einem Zahntechniker. Der Techniker hatte Gebisse zu einem Preis von 15,00 kr hergestellt, alles inklusive.
Gegen 14 Uhr am Nachmittag reisten wir mit einem Fischkutter nach Reine. Der betreffende Kutterskipper hatte bei Arntzens zu Mittag gegessen und war mir durch seine elegante Kleidung aufgefallen, besonders durch seine zweireihige Weste. Zudem hatten wir einen Pastor dabei, mit Stehkragen mit umgebogenen Ecken und im Übrigen einer Schiebermütze (Sixpence-Mütze).
In Reine kamen wir in einem kleinen Hotel unter, in dem wohl nur Leute wohnten, die bei dem Großkaufmann (Væreier) des Ortes arbeiteten. Die Landschaft bei Reine ist unvergleichlich, fast „zu schön“.
Wir hatten dem Großkaufmann Sverdrup nicht Bescheid geben können, dass wir nach Reine kommen würden, weil das Telefon wegen des Karfreitags geschlossen war. Daher wagten wir es nach der Ankunft auch nicht, uns bei Sverdrup zu melden.
Am Abend im Hotel lernte Nesch einen jungen Mann kennen, der anbot, von Fischerboot zu Fischerboot zu rudern, um zu hören, wer uns am nächsten Morgen mit hinaus auf den Fanggrund nehmen würde. Es stellte sich schließlich heraus, dass das Aufsichtsboot uns gerne mitnehmen wollte. Während Nesch im Hotelsalon noch Bridge spielte, ging ich zu Bett. Die Betten auf den Lofoten werden auf eine besondere Art hergerichtet. Die Steppdecke wird zu einer schmalen Rolle in der Mitte des Bettes zusammengelegt. Das sieht hübsch aus, aber der wahre Sinn dieser Operation ist mir unbegreiflich.

Ostersonntagmorgen

Das Mädchen im Hotel sollte uns um 5 Uhr wecken. Nesch sprang aus dem Bett und rief: „Sie hat uns vergessen!“ Nun, ich musste wohl mitziehen, und natürlich hatte Nesch recht, sie hatte uns vergessen! Als wir uns wuschen, klopfte ein Mann vom Aufsichtsboot an die Tür und rief, dass es gleich halb sechs sei und wir uns beeilen müssten. So schnell wie möglich hinunter zum Kai und hinaus zum Boot. Überall begannen die Motoren zu tuckern, die Möwen schrien. Kutter um Kutter fuhr davon, und Ottringe unter ihnen. Am Ausgang des Hafens warteten alle auf das Signal, eine Flagge, die um 6 Uhr gehisst wird. Dann geht es hinaus auf den Fanggrund.
Das Wetter war prachtvoll und das Meer völlig glatt. Die „Polizisten“ an Bord des Aufsichtsbootes waren sehr nett, neckten einander, sangen ein Duett, und der eine spielte Akkordeon. Richtige Osterabendstimmung. Das Aufsichtsboot fuhr um das gesamte Fanggebiet herum. Erst um halb acht wurde bei uns auf dem Aufsichtsboot die Flagge gehisst, und erst da durften die Fischer damit beginnen, das „Bruk“ (Fanggerät) einzuholen, wie es genannt wird. Das Meer ist exakt in Netzmeer und Leinenmeer aufgeteilt. Das Aufsichtsboot musste mehrere Kutter anhalten, die das Gesetz übertreten hatten. Sie wurden notiert. Manchmal entwickelte sich dies dramatisch mit Verfolgung, Zurufen und Händewinken.
Lustig anzusehen waren die sogenannten „Jukse-Fischer“, die mit der „Dypagn“ (Handangel/Tiefköder) fischen. Es müssen Hunderte von Booten gewesen sein, die dort zusammenlagen. Überall bewegten sich die Arme auf und ab, um den Fisch an den Köder der Leine zu locken („jukse“). Das Braun der Besansegel leuchtete vor den weißen Bergen und dem tiefblauen Himmel.
Wir sollten um 19 Uhr abends mit dem Lokalboot weiterreisen, aber das Boot kam nicht. Wir warteten til halb vier Uhr nachts. Das war schrecklich. Ich ging mehrmals ins Freie, um mich wachzuhalten, weil es im Salon des Hotels so warm war. Später ging der Ofen aus, und da wurde es richtig kalt drinnen. Über dem gesamten Nordhimmel tanzte ein fantastisches, hellgrünes Nordlicht. Endlich gegen halb fünd Uhr kam das Boot. Da war es draußen fast schon hell, und die Möwen schrien bereits wieder, oder vielleicht schrien sie auch immer noch. Auf dem Wasser lag eine dünne Eishaut. Es war dasselbe Boot, das uns von Ballstad nach Sørvågen gebracht hatte. Gegen neun Uhr waren wir in Stamsund.

Palmsonntag, 12. April

Auf dieser Reise lauteten unsere Fahrkarten auf die Namen „Olsen“ und „Hansen“. Dem Expedienten in Reine erschienen unsere Namen viel zu schwierig, und ich schlug ihm vor, norwegische Namen zu verwenden. Da wählte er diese. Nesch war also zu Olsen geworden und ich zu Hansen, und wir diskutierten, wer nun der Vornehmere sei. Der Streit erreichte seinen Höhepunkt erst später. Nesch verwies auf die Verwandtschaft mit beispielsweise Fred. Olsen. Da musste ich mich geschlagen geben.
Herrliches Wetter in Stamsund, Ostersonne und ein richtiges Hotel mit zwei „l“ am Ende. Wir wuschen uns und aßen Frühstück mit Ostereiern und gelben Papierservietten.

Gegen Tinn und Å.
Gegen Tinn und Å.

Samstag, 25. April (geschrieben nach der Rückkehr nach Slependen)

Die Ostersonne verschwand bald, aber die Landschaft bei Stamsund, die Nesch vom ersten Augenblick an begeisterte, hielt, was sie versprochen hatte.
Am Nachmittag waren wir so müde, dass wir uns schlafen legten, und dadurch verpassten wir das große Erlebnis des Tages: die Ankunft des Schnellbootes (Hurtigruten), bei der sich ganz Stamsund am Kai einfand.
Wir gingen spazieren und es begann zu regnen. Auch hier fast nur Männer. Wir lugten bei der Heilsarmee hinein. Drinnen ging es sehr würdig zu, vor der Tür herrschte erheblich mehr Trubel.
Ich hatte gestern meine Visitenkarte beim „Zaren“ abgegeben, Herrn J. M. Johansen, dem Eigentümer und König von Stamsund. Am Nachmittag des nächsten Tages erhielt ich vom Mädchen im Hotel Bescheid, dass ich kommen könne. Zuerst gingen wir in die örtliche Kaffistova, wo man selbst für Musik aus einem Trichtergrammophon sorgen kann. Die Fischer, die noch hier sind, waren heute draußen auf dem Fanggrund, und an diesem Ostermontag herrschte in Stamsund keine Feststimmung. Es war ein gewöhnlicher Arbeitstag. Ich wurde vom „Zaren“ gegen 15 Uhr in seinem Büro empfangen. Er hatte nicht die kraftvolle Sprechstimme, die zum Titel gepasst hätte, wirkte aber ansonsten imposant genug.
Ganz Stamsund ist mehr oder weniger das Werk des Großkaufmanns Johansen. Es ist beeindruckend zu sehen, was geschaffen wurde: der riesige Kai, die Dorschmehlfabrik, Dampfereien und die Tankanlage. Es heißt, Johansen versorge das halbe Nordnorwegen mit Solaröl [15] . Es werden viele Geschichten über den „Zaren“ erzählt, und wir bekamen den Eindruck, dass die meisten den Mann bewunderten, obwohl das Imperium natürlich nicht ohne Härte geschaffen worden war. Johansen selbst wohnt in einer großen Gemäuervilla, und es wurde erzählt, dass er in jedem Zimmer ein Telefon habe und dass in allen Zimmern den ganzen Tag elektrisches Licht brenne.
Nesch, der all die Jahre von großen Aufträgen der Behörden oder reicher Leute träumte und darauf hoffte, zeigte auf die große Felswand gegenüber dem Kai und erzählte von dem großen Materialbild, das er dort direkt auf der Felswand schaffen wollte, zu Ehren des Zaren, wenn der Großkaufmann ihm nur einen solchen Auftrag geben würde … Aber der Zar hatte natürlich anderes im Kopf als einen unbekannten deutschen Emigrantenkünstler.
Auf der Reise nach Svolvær kamen wir an Henningsvær und Kabelvåg vorbei. Wir hatten einzigartiges Glück mit dem Wetter, und es wehte kein Wind. Nesch versuchte vergeblich, eine Stewardess aufzuheitern, die wie eine Maus aussah und von sich selbst sagte, sie sei „sehr ernst“. An Bord des Bootes trafen wir unseren Malerfreund aus Sørvågen wieder, Herrn Seivåg, und es entspann sich wieder die Diskussion über Kunstprobleme zwischen „Olsen“ und ihm.
Von Svolvær in einer tollen 2-Mann-Kabine auf Deck an Bord der M/S „Lofoten“, einem sehr komfortablen und neuen Boot.
Während die Sonne hinter der Lofotenwand unterging, kamen einige Fischkutter auf dem Weg vom Fanggrund nach Hause an uns vorbei. Auf der anderen Seite die Küstenlinie des Festlands. Die blau-weißen Gebirgsketten, die an Fotografien aus Grönland erinnerten, das hellblaue Meer, spiegelglatt, ein blassblauer Himmel: ein unvergesslicher Eindruck.
Es waren viele Lofotfischer mit dem Boot auf dem Heimweg, einige hatten ihre Ruderboote und ihre Ausrüstung auf dem Deck der Hurtigruten aufgestapelt. Sie wollten zu ihren Heimatorten in Beiarn, Nordland und Helgeland usw. Selbst bei den „7 Schwestern“ lag noch Schnee auf den Bergen. An Bord war auch Herr Carl-Johan Sverdrup, einer der Sverdrup-Brüder, der in Neapel ansässig und wie ein Italiener gekleidet war. Nesch fand, er ähnele Peer Gynt mit weißem Haar und Backenbart, und er war sehr nett zu uns.
Die Reise ging nur allzu schnell vorbei. Am nächsten Morgen waren wir um 7 Uhr in Trondheim, und um 8 Uhr ging der Zug nach Oslo. Wir waren etwas enttäuscht zu sehen, dass auf dem Mjøsa-See noch viel Eis lag. Es begann sogar zu schneien. Wir hatten von Oslo im ersten frischen Laub geträumt.
Auf Slependen regnete es, aber der Fjord war jedenfalls eisfrei.
Frau Nesch empfing uns in neuer Kleidung, sie hatte zwei neue Bilder gemalt, zwei Kuchen und ein Brot gebacken und zwei Kerzenständer angefertigt. Große Wiedersehensfreude, Kuchen und Kaffee. Und dann erzählte Frau Nesch, wie es ihr in ihrer Einsamkeit ergangen war.
Die Reise war zu Ende. Der Alltag beginnt wieder.

Nachwort, Mai 1976

Es war Rolf Neschs Schwiegersohn Eivind Otto Hjelle [16] , der mein in diesem Jahr genau 40 Jahre altes Tagebuch aus der Schreibtischschublade holte.
Inzwischen ist der Meister im Alter von 82 Jahren gestorben.
Damals – 1936 – war er 43 Jahre alt und ich 24 Jahre. Wir kannten uns aus Hamburg. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Kunstsammler und hatte Rolf Nesch seine große Sammlung von Munch-Grafiken gezeigt. Zudem besaß mein Vater eine firma, die mit dem Import und Export von Fischöl und Lebertran in Hamburg handelte, und seit 1905 eine entsprechende Firma in Oslo. Er lebte mehrere Jahre in Oslo, war mit einer norwegischen Dame verheiratet und sprach fließend Norwegisch. Durch ihn bekam Rolf Nesch das Interesse für Munch und für Norwegen, und als er sich nach Hitlers Machtübernahme als „entartete Kunst» [17] verfolgt fühlte, lag es nahe, dass Nesch Norwegen wählte.
Ich kam 1934 nach Norwegen, etwas später als das Ehepaar Nesch. Inzwischen hatte Nesch die zweite Etage in einer kleinen Holzvilla auf Slependen gemietet, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Später konnte er ein geräumiges Haus mit großem Grundstück und Garten bis hinunter zum Vestfjord auf Nesøya mieten – nicht weit von der eigenartigen Holzbrücke entfernt.
Hier zog ich Anfang 1936 als Untermieter in die Villa „Grønsund“ in.
Die Tochter meines Onkels, des Gutsbesitzers Wilhelm Mohr in Bergen, war mit W. M. A. Mohn verheiratet, dessen Vater die Fischereisiedlungen Kræmmerviken und Moskenes auf den Lofoten besaß. Mein Vater hatte die glänzende Idee, Mohn zu fragen, ob er Nesch und mir helfen würde, uns dort oben zurechtzufinden – ich sollte mich in das Geschäft einarbeiten, Lieferanten begrüßen, und Nesch – der den Übergang zu den neuen Verhältnissen bewundernswert gut bewältigt hatte (siehe die Grafikserie „Schnee“, die in Slependen entstand) – suchte nach neuen Eindrücken – unbewusst ahnte er wohl damals bereits, dass die Lofoten für ihn etwas Ähnliches werden würden wie die Südseeinseln für Paul Gauguin. Die Lofoten im Jahr 1936 waren ein Idyll – die Menschen wirkten so offen und unverdorben, besonders wenn man aus dem Hitlerreich kam. Ein Idyll – wenn auch verbunden mit großer Plackerei für die Fischer – oft ein Kampf ums Leben auf dem Lofotenmeer mit – auf Basis des damaligen technischen Könnens – unzureichendem Gerät.

Aber – auch dies war es, was Nesch suchte – nach seinen Erlebnissen als Frontsoldat im Weltkrieg: Kameradschaft in einem gemeinsamen Kampf, seine Pflicht so gut wie nur irgendwie möglich zu tun – und danach: zu feiern!
Nesch wusste, dass ich Tagebuch führte, und wir träumten von einem Buch mit seinen Metalldrucken und Zeichnungen, unseren Fotografien, meinen Aufzeichnungen. Aber das Leben wurde für uns beide, und besonders für Nesch, zunehmend schwieriger. Mein Vater wurde durch die Umstände gezwungen, die finanzielle Unterstützung, die er Nesch gewährt hatte, zu reduzieren.
Noch immer gab es niemanden in Norwegen, der Dinge von Nesch, dem „komischen Deutschen“, kaufen wollte. Dann kamen der Krieg und die Besetzung Norwegens und vieles andere. Nach Erniedrigung, Hunger, Unglücken und einer unglaublich zähen Ausdauer und dem Glauben an sich selbst kam schließlich die Anerkennung, einige Jahre nach 1945 – und endlich der Weltruhm.
Der Netzfischer Haftor Rasch in Sørvågen – er hatte uns das Lofotenmeer im Sturm gezeigt – schrieb mir in all den Jahren nach 1936 zu Weihnachten einen Brief. Er war wohl der einzige unserer Freunde dort oben, der von Neschs Saga und endgültigem Sieg erfuhr. Auch er ist nun tot und wird seinen Namen nicht sehen, meinen Dank in diesem kleinen Buch nicht hören – 40 Jahre danach.

C.H.H.

Text und Fotografien von Carl Heinrich Hudtwalcker.

Copyright John Michael Hudtwalcker.

Ursprünglich herausgegeben vom Rolf Nesch-Verlag, Eivind Otto Hjelle, Oslo, im Jahre 1976.
ISBN 82-990124-1-4

Anmerkungen

[1] Weltberühmter Geiger. Geboren 1901 in Vilnius, gestorben 1987 in Los Angeles.

[2] O. Lindemann, Geschäftsführer der Firma Hudtwalcker & Co. AS, Christiania

[3] Das Künstlerrestaurant Blom, Karl Johans gate, Oslo. Eröffnet 1930, geschlossen 2004.

[4] Paul Rollon „Pola“ Gauguin, Paris 1883 – Kopenhagen 1961, war ein dänisch-norwegischer Maler und Sohn des französischen Malers Paul Gauguin.

[5] Weltweite, deutsche Reiseführer, herausgegeben vom Verlag Karl Baedeker, oft nur „Baedeker“ genannt.

[6] Heinrich Carl Hudtwalcker, Hamburg 1880-1952. hudtwalcker.com/through-the-ages/

[7] Ludwig Uhland, 1787–1862, deutscher romantischer Dichter, Schriftsteller, Professor, Jurist und Politiker.

[8] William Coucheron-Aamot, 1868–1948, norwegischer Marineleutnant und Schriftsteller. dagbladet.no/nyheter/2001/08/17/275364.html

[9] Der Völkerbund war eine internationale Organisation, die 1919 gegründet wurde. Formell aufgelöst im Jahr 1946, als er seine Ziele auf die UN (Vereinte Nationen) übertrug.

[10] Sonja Henie, 1912–1969, war eine norwegische Eiskunstläuferin, Olympiasiegerin, Filmschauspielerin und Kunstmäzenin.

[11] Ramon Novarro, der 1899 in Durango, Mexiko, geboren wurde und 1968 in Los Angeles, Kalifornien, starb, war ein mexikanischer Schauspieler, der durch verschiedene Stummfilme Berühmtheit erlangte.

[12] Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918.

[13] Roman von Erich Maria Remarque, 1898–1970, erschienen 1929.

[14] Petter (Pettersen) Dass, ca. 1647–1707, war ein bekannter norwegischer Theologe und Dichter. Pfarrer in Alstahaug in Nordland.

[15] „Solaröl“ ist eine alte Bezeichnung für mittelschweres Dieselöl, früher ein gebräuchlicher Name für Schiffsdiesel.

[16] no.wikipedia.org/wiki/Eivind_Otto_Hjelle

[17] en.wikipedia.org/wiki/Degenerate_art

Übersetzt aus dem norwegischen Text, der 2016 auf dieser Webseite veröffentlicht wurde.

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