Nachruf

Astri Merete Hudtwalcker (1917–1991)
Astri Merete Hudtwalcker ist im Alter von 74 Jahren verstorben. Es lag nie in ihrer Natur, viel über ihre Kindheit und Jugend zu sprechen. Sie wurde in Kopenhagen geboren, doch ohne Kenntnis dieser prägenden Jahre lässt sich kaum verstehen, zu welcher Persönlichkeit sie heranwuchs.
Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie allein mit ihrem Vater, Poul Damkier, einem Theater- und Literaturkritiker in Kopenhagen. Nach einigen Jahren zog sie nach Oslo, wo sie bei ihrer Mutter Astrid und ihrem Stiefvater Harald Schwenzen lebte. Harald Schwenzen war Schauspieler am Nationaltheater. Ein Familienleben, wie es die meisten Menschen als gewöhnlich bezeichnen würden, hat sie nie erlebt. Ihre Kindheit war offenbar von einer reichen, unkonventionellen Welt geprägt – voller Dramatik und ständigen Wandels. Vielleicht entwickelte sie gerade durch die Freuden ebenso wie durch die Herausforderungen jener Jahre viele der Eigenschaften, die später ihr Wesen auszeichneten.
Anfang zwanzig lernte sie Carl H. Hudtwalcker (1912–1991) kennen. Mehr als fünfzig Jahre lang verband sie eine außergewöhnlich enge Lebensgemeinschaft, bis zu seinem Tod am 23. Juni 1991. Aufgrund der Unsicherheiten und Gefahren des Zweiten Weltkriegs heirateten sie erst sieben Jahre nach ihrer ersten Begegnung. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, John Michael.
Ihr Familienleben war von bemerkenswerter Harmonie geprägt. Mit großer Hingabe und einem instinktiven künstlerischen Gespür schuf Merete – wie sie bevorzugt genannt werden wollte – ein Zuhause voller Wärme, Schönheit und Großzügigkeit. Freundschaften aus ihrer Kindheit und Jugend pflegte sie ihr Leben lang, zugleich knüpfte sie enge Beziehungen zu jüngeren Menschen und unterhielt zahlreiche Kontakte im Ausland.
Schon bald erwies sich Oslo als zu klein für einen Menschen von ihrer geistigen Weite und Offenheit. Herzlich, lebensfroh und voller Temperament fühlte sie sich bei Verwandten in Peru ebenso zuhause wie in den Salons der modernen Kunst Mitteleuropas oder beim Fischhändler und in den Cafés von Majorstuen.
Sie interessierte sich lebhaft für alles, was die Welt um sie herum prägte, und besaß ein ungewöhnlich feines Gespür für Menschen, Kunst und Gesellschaft. Mit überraschenden Beobachtungen und funkelndem Humor bereicherte sie das Leben der Menschen in ihrer Umgebung. Nur wenige verstanden es so gut wie sie, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden – bisweilen mit schonungsloser Offenheit, doch stets auf eine Weise, die letztlich befreiend wirkte. Erfrischend frei von Konventionen, Selbstgefälligkeit und leerer Rhetorik begegnete sie der Welt mit Klarheit und Unabhängigkeit.
Selbst als ihre Gesundheit allmählich nachließ – insbesondere nach dem Verlust ihres Ehemannes –, bewahrte sie sich ihre geistige Lebendigkeit, ihre Herzlichkeit und ihre besondere Gabe, anderen das Gefühl von Nähe zu vermitteln. Etwas von all dem wird in den Menschen weiterleben, die das Privileg hatten, sie zu kennen.
Arne Enge
Aftenposten, 28. August 1991
Anmerkung
Harald Stammann Fries Schwenzen (1895–1954), der Bruder des Drehbuchautors Per Schwenzen und des Schauspielers Hjalmar Fries, war ein norwegischer Schauspieler und Filmregisseur. Als Vorsitzender des Norwegischen Schauspielerverbandes wurde er während der deutschen Besatzung mehrfach verhaftet. Schließlich wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er von 1944 bis zum Kriegsende 1945 inhaftiert war.
Als Schauspieler gehörte Schwenzen zum Ensemble des Osloer Nationaltheaters und wurde unter anderem durch die Rolle des Don Carlos in Friedrich Schillers gleichnamigem Drama sowie durch die Titelrolle in Henrik Ibsens Peer Gynt bekannt. Sein Filmdebüt gab er 1920 in Victor Sjöströms Verfilmung von Hjalmar Bergmans Mästerman.
1922 schrieb er das Drehbuch zu Knut Hamsuns Pan und führte Regie. Der Stummfilm gilt heute als Klassiker des skandinavischen Kinos und wird noch immer auf Filmfestivals, in Kinematheken und bei Retrospektiven in Norwegen und im Ausland gezeigt. Zwischen 1925 und 1944 wirkte Schwenzen in mehreren weiteren norwegischen Spielfilmen mit. 1948 verkörperte er den deutschen Generaloberst Nicolaus von Falkenhorst im Film Kampen om tungtvannet/Kampf ums schwere Wasser (Operation Swallow: The Battle for Heavy Water). In 1951 wurde er mit der Goldenen Verdienstmedaille des Königs für seine Verdienste um das norwegische Kulturleben ausgezeichnet.
Originaltext auf Norwegisch, veröffentlicht im Jahr 2024.
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