Lebenslange Tugend-Haft

peruvian
Liebe und Leid der Margarethe Milow / Tagebuch aus dem 18. Jahrhundert einzigartiges Zeitdokument

Eingesperrt in ein enges Korsett strenger Moralvorstellungen, in einer Art Tugend-Haft voller unterdrückter Leidenschaft und Kümmernisse – so verbrachte die Hamburger Kaufmannstochter Margarethe Elisabeth Milow, geborene Hudtwalcker, ihr 46 Jahre währendes Leben.

Als die Pfarrersfrau Ende des 18. Jahrhunderts ihre Geschichte niederschrieb, damit ihre Kinderschar nach ihrem Tode aus ihren Fehlern lernen und ihr Mann sie endlich verstehen sollte, ahnte sie nicht, dass sie dadurch 200 Jahre später eine gewisse Berühmtheit Erlangen würde. Geradezu spektakulär unspektakulär sind die Tagebuchaufzeichnungen der Margarethe Milow und deshalb als Zeitdokument einzigartig.

Authentische Quellen über den Frauenalltag in den zurückliegenden Epochen gibt es so gut wie gar nicht und die männlichen Geschichtsschreiber befanden Weiberschicksale für kaum erwähnenswert. Auch Margarethe Milows Lebenbeichte gelangte zunächst in einer durch Männerhand manipulierten Fassung ans Tageslicht. Als die Hamburger Bibliothekarin Rita Bake 1986 den Schatz im Staatsarchiv zufällig entdeckte, hielt sien ur die Abschrift eines Heimatforschers in den Händen. Doch vor wenigen Wochen passierte dann eine kleine Sensation. Rita Bake stieff auf das Original. Es ist im Besitz eines Bremer Kaufmanns, eine Nachfahre Margarethe Milows. Schnell wurde klar, dass wichtige Passagen in der bisher bekannten Fassung fehlten. Das Buch über die Geschichte der Milow («Ich will aber nicht murren”, Verlag Dölling und Galitz) muss neu geschrieben warden.

Wer aber war den nun die Frau, deren intimste Gefühle heute zahllose Geschlechtsgenossinnen faszinieren?

1748 erblickte Margarethe Elisabeth Hudtwalcker in der Katharinenstrasse 83 das Licht der Welt. Sittsamkeit und Tugend durch totale Diziplinierung heisst die Devise von Kindesbeinen an. Doch die Erziehungszwangsjacke sitz trotzdem nicht so massgeschneidert, dass nicht die übermächtigen Begierden in das Leben der nunmehr zu einer jungen Frau herangereiften Margarethe einbrechen.

Schuld daran ist Octav, der Handlungsbedienstete ihres Vaters, dem Tran – und Heringskaufmann Jacob Heinrich Hudtwalcker . Margarethe quält die Zuneigung zu dem jungen Mann, denn heimliche Liebe ist Sünde und das Liebesobjekt zudem nicht standesgemäss.

«Octav, der fing an, mir diesen Winter im Kopfe, oder vielmehr im Herzen herumzugehen. … Wir führten unte runs (Geschwistern), aber doch ohne gas Wissen unserer Eltern ein Trauerspiel auf. Octav musste mir die Hand küssen, und dies setzte uns beide in grosse Verlegenheit. … Lange hiess unsre Empfindung Freundschaft, wir wagten nicht, sie Liebe zu nennen,» schreibt Margarethe. Eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet die beiden. Doch mittenhinein in diese zarte Glück platzt der Vater, der eines Tages eines der tiefsinnigen Gespräche belauscht.

Für dieses «Vergehen» wird sie hart bestraft; das Brot wird ihr bei Tisch hingeworfen, der Vater nennt sie Dirne. Margarethe weint nächtelang und flüchtet sich mit ihrem Kummer, wie immer in ihrem gesamten Leben, zu ihrem Therapeuten: Gott, ihrem Vertrauten. Doch auch Gebete verhindern nicht, dass ihre Eltern sie ohne ihre Zustimmung mit den armen, aber angesehenen Pastor Johann Milow verheiraten. Für die an einen relativ gehobenen Lebensstandard gewohnte 22jährige beginnt eine harte Zeit. Körperliche Arbeit, Geldprobleme, mindestens elf Schwangerschaften, Krankheiten und Todesangst belasten sie sehr. Als fürsorgliche Gattin und Mutter wird von ihr verlangt, sich selber völlig zurückzunehmen. Um ihren Mann, ein Hypochonder, muss sie sich ständig kümmern. Sie frisst ihren Kummer in sich hinein. Nur Gott und das Tagesbuch wissen davon.

Mit 46 Jahren erkrankt sie an Brustkrebs. Zum ersten Mal seit langen Jahren verschafft ihr die Krankheit trotz des Leidens etwas Positives: Ruhe. Die Brust wird amputiert. Doch der Krebs ist nicht zu stoppen.

Bange Furcht soll die Geschichte dieses Jahres 1793 nicht schliessen. Ich kann menschlichem Ansehn nicht besser warden, ich muss aller Erfahrung nach eines fürchterlichen Todes sterben. Ich will aber nicht murren, dort werde ich das im Lichte erkennen, was ich hier dunkel sah.

Sigrun Nickel

taz.de 27.Juli 1992


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