So Fing’s An

«Der Sinn nun dieses Deutschen Jazzfestivals ist der, alljährlich einmal etwas vom Besten, was Deutschland zu bieten hat, zu präsentieren, und als Ort dafür wurde Frankfurt ausersehen.»

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Das waren die heute etwas ungelenk wirkenden Formulierungen von Olaf Hudtwalcker zur Eröffnung des 1. Deutschen Jazz Festivals am 03. Mai 1953 im Franz Althoff Bau in Frankfurt.

Ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her, ein solch langes und ereignisreiches Leben war bislang noch keinem anderen Festival vergönnt. Jazzfestivals gibt es mittlerweile in Deutschland und Europa zuhauf, doch handelt es sich hier in Frankfurt um ein Unikat: Das Deutsche Jazzfestival Frankfurt ist das älteste in Kontinuität stattfindende Jazzfestival der Welt. Seit 1953 war es Schaufenster und Symbol der Jazzmetropole Frankfurt – ein Ruf, den es noch heute genießt.

Two Beat Stompers

Two Beat Stompers

Gegründet wurde das Festival von Horst Lippmann, damals Hotelier, Schlagzeuger und Konzertreferent der Deutschen Jazz Föderation. In den frühen Tagen des Jazz nach dem Krieg war Lippmann der Enthusiast, der als Antriebsmotor hinter fast jeder Jazz-Veranstaltung steckte. Lippmann gewann in Fritz Rau ab 1955 einen ebenso engagierten Kompagnon. Die beiden sollten später eine der größten Konzertagenturen Europas aufbauen. 1951 feierte der Hot Club Frankfurt, ein Verein um Carlo Bohländer, Hans Otto Jung und Emil Mangelsdorff, der bereits in den Kriegsjahren Jazz als Bestandteil einer Untergrund-Jugendkultur spielte und lebte, sein zehnjähriges Bestehen. Lippmann veranstaltete deshalb ein erstes großes Konzert mit den besten Musikern und Bands aus Frankfurt. Diese Feier war so erfolgreich, dass auch im Jahr darauf eine sogenannte Jazz-Conference veranstaltet wurde. Als die Main-Metropole 1953 zum Tagungsort für die Deutsche Jazz Föderation ausgewählt wurde, griff Lippmann die Gelegenheit beim Schopf und machte aus dem Frankfurter das Deutsche Jazz Festival, damals mit unbestrittenem Alleinvertretungsanspruch land-auf landab.

Manches aus diesen Kindertagen des Festivals, das der Journalist Jürgen Schwab in den Audios auf dieser Website dokumentiert hat, erscheint aus der Perspektive des Jahres 2003 ein wenig hausbacken. Damals, 1953, war das Frankfurter Jazzgeschehen die Speerspitze progressiver Jugendkultur in Deutschland. Das Festival wurde alljährlich zu dem Jazz-Ereignis der Republik, wesentliche Impulse des Jazz in Deutschland sind von hier ausgegangen. Die ursprüngliche Konzeption des Festivals bestand darin, den deutschen Jazz zu repräsentieren. So gab es keinen bedeutenden deutschen Musiker, der nicht auf dem Frankfurter Festival gespielt hat. Mit dem Aufkommen weiterer Festivals in den sechziger Jahren verschoben sich freilich einige Koordinaten – bei aller Kontinuität, die diesem Veranstaltungs-Dinosaurier noch heute eigen ist.

Olaf Hudtwalcker (izquierda) y Horst Lippmann (derecha), los pioneros del festival alemán de jazz.

Olaf Hudtwalcker (izquierda) y Horst Lippmann (derecha), los pioneros del festival alemán de jazz.

Der Hessische Rundfunk (hr) war von Anfang an dabei – er nahm auf und übertrug die Konzerte. Nicht nur er, fast alle Rundfunk-Anstalten in Deutschland, auch der AFN und der BFN, waren 1953 vertreten. Der Anteil des hr an diesem Festival wuchs kontinuierlich, seit 1967 durch die flankierende Begleitung einer neu eingerichteten hr Jazzredaktion. 1984 wurde der hr Veranstalter des Festivals – und er blieb es bis heute, seit 1990 mit der Stadt Frankfurt als festem Partner. Seit Anfang der neunziger Jahre findet das Festival wieder jährlich statt – wie im ersten Jahrzehnt seines Bestehens. Da das Frankfurter Festival von den Sechzigern bis Ende der Achtziger im Zwei-Jahres-Turnus über die Bühne ging, ist es die 34. Festival-Ausgabe, die den 50. Geburtstag des Festivals feiern wird: vom 03. bis zum 05. Oktober 2003 im Sendesaal des hr.

Das Deutsche Jazzfestival Frankfurt hat bereits in seinen Anfängen eine Prägung erhalten, die es (unter dem langjährigen Programmgestalter-Team von Ulrich Olshausen und Peter Kemper, seit fünf Jahren ergänzt durch Guenter Hottmann) bis heute bewahrt hat. Zu seinem besonderen Profil gehörte, den wichtigsten deutschen Musikern Produktionen abseits der Alltagsroutine zu ermöglichen und ihnen prominente Jazz-Größen aus Europa und dem außereuropäischen Ausland (anfänglich hauptsächlich aus Amerika) gegenüberzustellen – in speziellen Festival-Projekten, die nur hier angeboten wurden und dem Festival das Image außergewöhnlicher Musiker-Begegnungen und Konzert-Premieren einbrachte. Hier verbrüderten sich – bis dahin einigermaßen undenkbar – der schwarze Saxophonist Archie Shepp mit dem Trompeter-Schöngeist Chet Baker. Der deutsche Bassist Eberhard Weber traf auf den amerikanischen Saxophonisten Pharoah Sanders und den westafrikanischen Kora-Spieler Foday Musa Suso. Kein anderes deutsches Festival hat so viele neue kulturübergreifende Kombinationen produziert wie das Frankfurter. Das Festival war Plattform für unzählige Projekte, in denen Albert Mangelsdorff seinen Ruf als «Weltmeister der Posaune» wie auch Frankfurts Image als weltoffene Metropole mitzubegründen half.

Caterina Valente y Silvio Francesco

Caterina Valente y Silvio Francesco

Als ein subventioniertes Festival, das nicht nach kommerziellem Kalkül funktioniert, ist das Frankfurter immer seinem Anspruch gerecht geworden, Entwicklungsarbeit und Nachwuchsförderung für Musiker zu leisten; Talenten aus Hessen, Deutschland, Europa und Übersee ein Forum mit großem Rampenlicht zu geben. Der Frankfurter Saxophonist Christof Lauer, heute einer der bedeutensten Saxophonisten Europas, hat auf dem Frankfurter Festival seine ersten Schritte auf der Karriereleiter gemacht. Das Jazzfestival Frankfurt hat sich in vielfältiger Hinsicht als Ermöglicher und als Katalysator für solche Entwicklungen erwiesen.

Diverse Größen des modernen Jazz, die heute als Stars gehandelt werden, wurden auf dem Festival als sogenannte «Newcomer» oder Insider-Empfehlungen präsentiert: Cassandra Wilson, John Scofield und Joshua Redman traten hier als junge, noch weitgehend unbekannte Künstler auf, noch bevor sich deren Karrieresprung realisierte. Dabei hat das Festival immer ein Schwergewicht auch auf die experimentelle Ausrichtung der musikalischen Projekte gelegt. Das Festival des letzten Jahres präsentierte die Saxophon-Legenden Pharoah Sanders, Archie Shepp und Gato Barbieri in überraschend neuen Kontexten. Immer galt es, neue Stimmen, neue kreative Köpfe, neue musikalische Ansätze zu finden, das Unerwartbare zu präsentieren. Fährtenleser und Wegbereiter für musikalische Innovationen waren und sind gefragt; gemäß der Devise: Tradition verpflichtet – weniger zur Pflege musealer Werte als vielmehr zum Entwurf der Zukunft.

Jazz-Hauptstadt der Republik

Das Frankfurter Jazzfestival hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass Frankfurt einst den Ruf als Jazz-Hauptstadt der Republik erringen konnte.

Diese repräsentative Veranstaltung sorgt auch heute noch dafür, dass Frankfurt im verschärften Wettbewerb der Jazz-Metropolen mit tonangebend bleibt.


Guenter Hottmann