Munch und Kein Ende

Am 12. Dezember 1953 war es 90 Jahre her, das seines der grössten skandinavischen Genies, der Norweger Edvard Munch, geboren wurde – am 23. Januar dieses Jahres waren 10 Jahre seit seinem Tode vergangen.
Mit “Munch und kein Ende” kommentierte Dänemarks leitende Zeitung Politiken vor kurzem das Erscheinen eines Buches über den 1944 – kurz nach seinem 80.ten Geburtstage gestorbenen Maler – so dessen Namen in dem auf Goethe geprägten Wort einsetzend. Und in der Tat scheint sich die Diskussion über Munch entsprechend dem wachsenden Abstand von seinem Lebenswerk stetig zu intensivieren.
Bei dem vor der Kopenhagener Zeitung besprochenen Buch handelt es sich um die Erinnerungen eines norwegischen Freundes, Christian Gierlöff (1), betitelt Edvard Munch selv (Edvard Munch selber, der eigentliche Edvard Munch) erschienen bei Gyldendal Verlag in Oslo.
Heir krystallisiert sich aus einer Fülle von mehr oder weniger wesentlichen Eindrücken, vom freundschaftlichen Zusammensein mit Munch ein reich fazettiertes, persönliches “Porträt” des “grossen Einsamen”, die literarisch ungleich wertvollere, aber dafür sehr “subjective” Biographie des norwegischen Kunstsammlers Stenersen (2) Nachbild eines Genies wertvoll ergänzend.
Gierlöff wirft, Munchs Werdegang zur europäischen Berümtheit folgend, reizvolle kurze Seitenblicke auf die Persönlichkeiten, die für Munch’s Schicksal grosse Bedeutung hatten – und unter denen sich viele Deutsche befanden: der Mäzen Dr. Max Linde, der Kunsthistoriker Meier-Gräfe und der Hamburger Oberlandesgerichtsrat Gustav Schiefler – der Katalogisator von Munchs riesigem graphischen Werk.
Er zeigt Munch in den Jahren nach seiner Rückkehr von einem ruhelosen, etwas an Peer Gynt erinnernden Leben auf dem Kontinent, dem «grossen Ausland», wie es in Norwegen heisst, als Besitzer von verschiedenen Häusern und Häuschen an verschiedenen Plätzen an beiden Seiten des Oslofjorde: in Kragerö, auf der Insel Jelö, in Aaasgaardstrabd und in Hvitsten. Munch hatte seine schwere Nervenkrise überwunden, er war – zumindest in Deutschland – anerkannt. Seine vielleicht glücklichste Arbeitsperiode hatte er in dem idyllischen Fischerdorf Kragerö. Seinem Herzen am nächsten stand wohl Aaasgaardstrand – damals noch nicht das Familien-Seebad, zu dem sich das verträumte, in kurzen hektischen Sommerwochen von vielen Kristiania-Künstlern bevölkerte Dorf später entwickelte.

Gierlöff, der Freund, ist von Minchs Persönlichkeit, seinem Charme so eingenommen, dass sein Buch zu einem einzigen Loblied wird; warm, sympatisch – manchmal aber fast in zu vielen Worten ertrinkend. Dagegen stellt das gleichfalls in diesem Winter in Oslo erschienene Buch Idee und Inhalt in Edvard Munch’s Kunst (3) des Schweden Gösta Svenæus eine tief schürfende Analyse des Künstlers, eine Untersuchung über die Quellen seiner Kunst in dem europäischen kulturellen und philosophischen «Klima» seiner Epoche dar.
Svenæus’ Studie konzentriert sich auf Munchs grosse dekorative Oelbilder, die er für die Osloer Universität malte, und die Svenæus als einen Wendepnkt in Munchs Kunst anzieht.
Wenn man vor dem Bild der aufgehenden Sonne steht – das sicher eines der grössten «Ereignisse» in der Geschichte der Malerei genannt werden muss – wenn man sich von der Urkraft dieses weissglühenden, farbensprühenden feuerballes «zermalmen» lässt – dann soll man daran denken, dass diese «Atomkraft» von einem Menschen geschaffen ist, der zeitlebens unter seiner schwachen Gesundheit zu leiden hatte – der von sich selbst folgendes gesagt hat:
«Krankheit, Geisteskrankheit und Tod – das waren die schwarzen Engel, die an meiner Wiege Wache hielten und die mir später durch’s Leben gefolgt sind – ohne Lebensangst und Krankheit wäre ich wie ein Schiff ohne Ruder gewesen. Meine Kunst wases, die dem Dasein eine Bedeutung gab, Ich suchte das Licht durch sie. Sie wurde mir zu dem Stock, auf den ich mich stützen konnte – dessen ich bedurfte.»

Die Sonne war der Sieg über die Angst, die dem früh Mütterlosen durch Kindheit und Jugend begleitet hatte. Die Bilder aus seiner ruhelosen «Boheme-eit», wie zum Beispiel Pubertät, Eifersucht, Vampyr – vor allem vielleicht Das Geschrei – sei scheinen gemalt von einem Besessenen, dessen Nerven nackt und unbeschützt liegen. Wie ist es möglich, solche Bilder – und in welch’ rasendem Tempo: “herauszuschleudern” – und (im Gegensatz zu Van Gogh) zu überleben? “Das Laben trägt”, war Munchs tröstende Lebensphilosphie. Ihn trug es und gab ihm die Kraft zu seinen monumentalen Aulabildern. Es trug ihn, wie es den schwedischen Dichter Strindberg trug, dessen Temperament allerdings von Munchs völlig verschieden war – der aber in seinem «faustischen» Lebenshaltung, seinem ruhelosen Lebenswandel, seiner schonungslosen Aufrichtigkeit so viele Parallelen zu Munch eröffnet – dass man beim Erleben eines Strindberg-Stückes Munch1sche Gestalten plötzlich aus der «Sprachlosigkeit» ihres stummen Bilder-Schicksals «erlöst» fühlte.

Munch und Strindberg erschien in den Neunziger Jahren Böcklin’s Toteninsel (4) als das Bild über alle Bilder – beide waren zeitweise fanatische Nietzsche-Anhänger, und Munch las Weininger’s Geschlecht und Charakter (5) , wobei er, wie Gierlöff erzählt, einen Revolver als Lesezeichen benutzte.
Aber Munch rettete sich von einem Weininger-Schicksal, kehrte den «Toteninseln» der Böcklin und Max Klinger den Rücken – rettete sich in das «natürliche» Leben hinein, wurde sesshaft, erward das grosse Anwesen Ekely bei Oslo, hatte seine eigenen Obstbäume im Garten, ein Pferd und Hunde dazu … es ist etwas am alternden Munch, das einen an den alternenden Faust erinnert … .
Er wollte das Leben selbst schildern in seinen Bildern, «ein einziges unendliches Bild des Lebens, mit meinem variierten Farbenspiel und seinen zahllosen Nuancen». Seine Bilder sind die fortlaufende Kommentare – ein völlig «vollkommenes» Bild hat Munch vielleicht nie gemalt, «vollkommen» im Sinne einer Raphael’schen Madonna oder einer Mona Lisa …. er liess seine Bilder in seinen merkwürdigen, primitiven Freiluft-Ateliers den Unbilden des Wetters ausgeliefert («sie müssen wachsen und sehen, wie sie mit dem eigenen Leben fertig werden»), er liess Farben auf seinen Bildern «überlaufen», «über-tropfen» – ohne sich darum zu kümmern … .
Aber wie Munch selbst sagte, für ihn war die “Ahnung” das Höchst-Erreichbare – die “Vollendung meist Enttäuschung”. Wahrscheinlich wird man gerade deswegen, wie Svenæus richtig hervorhebt, nie “fertig” mit seiner Kunst: “Man nimmt in seinem Lebensfries einen Reichtum an Möglichkeiten wahr – eine komplizierte Spannung zwischen verschiedenen Geschichtspunkten.”

Dieses Aufzeigen der Möglichkeiten, dies “Ahnen” (das sich besonders in den sehnsuchtsvollen Konturen seiner Fjordlandschaften manifestiert – die sic him Unendlichen verlierende Strandlinie wird zum verheissungsvollen Ausweg für alle unsere Hoffnungen und Leidenschaften oder auch zur Hieroglyphe des vom Nichts ins Nichts verlaufenden Lebens) das ist aber auch die nordische Lebensidee überhaupt, der Beitrag des Nordens – es ist Peer Gynt’s lebenslanges Suchen und Sehnen – es ist im europäischen Kulturkreis die Komponente der “Vollkommenheit” des Südens, die aber vom Norden aus gesehen auch “Sattheit”, Einlösung und damit Auflösen des “Versprechens” bedeutet. Vielleicht wird Munch in romanischen Ländern deshalb nie verstanden, anerkannt warden – auf dem Hintergrund der klassischen sonnigen Mittelmeerlandschaft wird Munchs nordischer Strand wohl stets nicht nur melancholisch – lebensverneinend sondern sogar “tot” und “unmenschlich” erscheinen. Für den Nordländer dagegen ist Munchs Sonne das Symbol der Verheissung, die Erlösung aus der Erstarrung der Winternacht: die Spenderin des Lebens – nicht die alles versengende und verbrennende Zerstörerin «ihrer eigenen Kinder» – und Munchs Strandlinie, der Traum vom Leben, voll von Möglichkeiten und Spannungen, nicht «erlöst» (und damit in ihrem Sinne «tot») wie die Umwelt ihrer europäischen Antipoden.

Nun – es war zuerst nicht die Sonne gewesen, die den Mittelpunkt seiner Aulabilder hatte ausmachen sollen. Es sollte ein «Menschenberg» sein, oder was Munch in der typischen Symbol-Sprache des Jugendstils auch “Zum Licht” nannte, später auch die Menschensäule. Einen “Grundakkord in Munchs Kunst,” nennt Svenæus seine Lithographie aus dem Jahre 1897 – von Munchs Trauermarsch betitelt – und zeigt den Weg von diesem Blatt zum Menschenberg, dem geplanten Zentralmotiv der Aulabilder, welches er symptomatisch für die Forderungen der damaligen Epoche nennt und al sein “makabres Gericht, zubereitet in der Hexenküche der Metaphysik” karakterisiert.
Inspiriert von zeitgenössischer Philosophie, von Nietzsche und Darwin, zeigtendie Entwürfe den “Kampf um die Macht” – das “Sich-ans-Licht-Drängen” – Mensch auf Menschenleib steigend, sich gegenseitig zertrampelnd, hinauf, hervor, der Stärkeste voran. Nitzsche hatte Gott für tot erklärt, und hier schien keine Religion meht eine mögliche Erlösung zu zeigen.

Aber Munch gab dies Motiv zum Schluss völlig auf. Svenæus zeight, wie eine scharfe Kritik der Entwürfe zu diesem Entschluss führte. Vielleicht spielte nich etwas anderes mit: der norwegische Bildhauer Vigeland (6) arbeitete mit sehr ähnlichen Plänen für seinen Skulpturen-Park. Munch, eifersüchtig auf Vigelands leichtem Erfolg bei den Behörden der norwegischen Hauptstadt – die dem «grössten Gestalter seit Michelangelo» auf alle Weisen unterstützten und ihm zuletzt ein prachtvolles Atelier bauten – behauptete zeitlebens, dass Vigeland «seine» Idee gestohlen hätte. Wie es auch gewesen sein mag: der verkannte Munch (der den erhofften Auftrag auf Ausschmückung des neuen Osloer Rathaus nicht bekam) ist Norwegens «Licht aus dem Norden» geworden – dagegen ging es mit Vigelands gigantischer Plastiken-Welt wie in H.C. Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: die Osloer Bürger waren schon jahrelang im Voraus vorbereitet worden, sie hatten gehört, dass ihre Stadt in künftigen Jahrhunderten die «Stadt mit der Fontäne» genannt werden würde (eine solche war ursprünglich der Kern der sich ständig vergrössernden Vigelandschen Pläne für eine Anlage, die zuerst zwischen Parlamentsgebäude und Nationaltheater mitten in der Stadt liegen sollte, aber die dann bald diesen begrenzten Raum sprengte und später im Freien, vor der Stadt, Wirklichkeit wurde) sodass sie, als sich das Wunder endlich zu enthüllen begann und immer neue Gruppen fotografisch nackter Männer, Frauen und Kinder sich vor ihren Blicken auftürmten ganz natürlich in ein enthusiastiches «Aah» ausbrachen … bis ihnen eines Tages und zuerst wohl vom Kunstkritiker Pola Gauguin (7) – gesagt wurde, wie es um «ihren Kaiser» stünde. Die kritischen Stimmen mehrten sich und steigerten sich zum Todesurteil des Katholiken Evelyn Waugh (8), des scharfzüngigen englischen Schriftstellers: «Das Erschütterndste nach dem von der Atombombe zerstörten Hiroshima».
Das aber war kein Kunstkritik mehr, das war das Urteil der katholischen Kirche über Nietzsches gottlosen Übermenschen – und inzwischen hatte auch Hitler diese Traumfigur der dünnen Luft von Sils Maria in einem «Golem» der Mittelmässigkeit materialisiert und ihn vor den Augen des tödlich erschrockenen Europas schamlos entlarvt.
Nun – Vigelands «Misserfolg» brauchte nicht zu bedauten, dass Munchs Idee «falsch» gewesen war – beide waren ja auch keine Philosophen sondern Künstler – und wenn Vigeland als Bildhauer (nach verheissungsvollen Jugendwerken) mit seinen fabrikmässigen Gigantarbeit missglückte, so brauchte das nicht zu besagen, dass es Munch nicht hätte glücken können, ein auf die gleichen Ideen aufgebautes hervorragendes Bild zu malen.

Trotz allem ist Munch eben in erster Linie Maler, und alle Probleme, die er angreift, hat er stets malerisch erlebt, in seinen grosszügigen, vereinfachenden Linien, im Spiel der sich ergänzenden Farben. Und zu seiner Welt, heute «der Welt von Gestern», gehört eben ausser der von ihm gestalteten Galerie des nordeuropäischen, bürgerlichen Individualiteten, die er als «letzter Portträtist der europäischen Malerei» hinterliess – Velasquez’ spanischer Aristokraten-Galerie vergleichbar – die zeitgenössische Idee des Übermenschen … während heute – «Dieu est mort et l’homme aussi» – Mensch und Übermensch, Individum und Typus, dem cerebralen Suchen nach dem vom Menschen unabhängigen, ja für ihn nicht mekr sichtbaren Kräftespiel von Mikrokosmos und Makrokosmos gewichen sind … .
So erscheinen sie heute in einem völlig anderen Lichte, die «letzten grossen Individualiteten» Munch und Strindberg – in einem Zeitalter, das so seltsam «unsinnlich» geworden ist, in dem Eifersucht, Pubertät, Vampyr nicht mehr gemalt werden, die menschlichen Leidenschaften, die Liebe in allen Schattierungennicht mehr die dringlichsten dramatischen Motive sind – in denen vielmehr das kühle Seziermesser des Zoologen Dr. Kinsey (9) das «Allzumenschliche» sachlich registriert – in dem Kafka’s Kampf mit der Hydra unsichtbarer Richter unseres Geschicks zeigt, wohin sich der Schwerpunkt verlagert hat – in dem Kandinsky’s non-figurative, «absolute» Malerei (besonders seiner letzten Lebensjahre) dem Beschauer zu sagen scheinen: hier seht, wie die heutige Welt «aussieht»: unsinnlich, un-human, «unsichtbar» … .
Zum Bilde der grossen «Ungläubigen» gehört vielleicht auch noch – wenn aucht oft verborgen – die Bibel, mit er Strindberg sich begraben liess – und Munchs moralische Idee des «Menschenberges», ob sie nicht auch im Grunde eine Warnung sein sollte, und stand das Kreuz nicht doch unsichtbar dahinter?

Lassen wir jetzt zum Abschluss dieser Betrachtungen Munch selbst das Wort darüber – wir warden in dem nachstehend wiedergegebenen Gespräch zudem viele der hier angerührten Fragen wiederfinden, in Munchs überraschender, «malerischen» Formulierung.
Dies Gespräch – oder genauer gesagt: diese Gespräche – welche von der Norwegerin Inger Alver Glöersen (10) aufgezeichnet wurden, und die sie bezw. Ihr Vater mit Munch führte (und die hier mit ihrer Genehmigung zum ersten Male in deutscher Sprache veröffentlicht werden) vermitteln einen besonders klaren Eindruck von Munchs einzigartiges Persönlichkeit.

Munch im Gespräch

“Zu meinem Hof in Vestfold, an der Westseite des Oslofjords gelegen,” erzählt Frau Glöersen, “führt ein kleiner Hügel hinauf. Hier traf mein Vater an einem Sonntag vor ungefähr 20 Jahren Edvard Munch, einsam auf einem morgendlichen Spaziergang, mit den Augen in die Sonne blinzelnd. Munch wollte nicht mit ihm hinaufkommen.”
«Ich studiere das Leben auf dem Hofe bei Euch,” sagte er, «gefährlich, dort eingefangen zu werden. Ich war hier schon oft. Der Hund bellt nicht mehr nach mir, er kommt hier herunter gelaufen und begrüsst mich, springt an mir herauf und wedelt mit dem Schwanze. Drei Generationen auf einem Bauernhof, so ist das Leben. Du bist schlau, Du Höst (Vater der Erzählerin), den ganzen Sommer lang spazierst Du mit Deinem kleinen nordischen Enkelkind, da snur aus Locken und Augen besteht. Ich muss den Kleinen einmal zeichnen. So soll das Leben gelebt werden! Das verjüngt! Du wirst selbst zu einem Jungen. Aber ich werde Dir eide auswischen: Wenn ich 80 bin, werde ich mich verheiraten ud so kleine Kinder haben, wenn Du so grosse Enkelkinder hast!»
«Er zeigte mit der Hand einen halben Meter überden Rasen, das waren also seine eigenen kleinen Kinder – und dann hoch über den Kopf, das waren Höste lange Kindeskinder.»
«Ein alter Mann und ein junges Weib, das hat’s zu allen Zeiten gegeben. Es steht schon in der Bibel – ausserdem werden dann die Kinder so wohlgeraten in solcher Ehe.”
Sie waren am Strande angekommen:
“Hier war’s”, sagte Edvard Munch. “Wir kamen von einer Gesellschaft. Ich hatte gerade Gichtfieber gehabt, hätte in meinem Bett liegen sollen, anstatt durch die kühle Nachtluft zu streifen. Da watete sie hinaus, die schöne junge Admiralstochter. Bis zum den grossten Stein, weit da draussen. Sie schwang sich auf den Stein, löste ihr langes Haar und sang. Meermädchen. Es war Mitternacht, Mondschein, Septembernacht. Ich watete hinterher. Deine Schwiegermutter gehörte zu unserer Gesellschaft. Sie versuchte mich zurückzuhalten, rief dem Mädchen zu, sie solle ans Land kommen. Aber das Mädchen – das lachelte und sang. Ich watete und platschte, erreichte endlich den Stein und setzte mich an ihre Seite. “Du bist ein Troll!” rief Deine Schwiegermutter dem Mädchen zu. Aber als ich am nächsten Tage alleine fieberkrank in Aaasgaardstrand lag, kam Deine Schwiegermutter und pflegte mich. Ich war zwanzig damals. So ist es: eine gute Frau kann sich heiser rufen, um uns zu schützen. Aber dem Troll setzen wir nach.»
Später am gleichen Tage schlug mein Vater vor, dass man etwas zu sich nehmen sollte.
«Du isst wohl im Hotel?» fragte er Munch.
«Bist Du verrückt? Nichts ist so gefährlich wie in einem Hotel zu essen! Strindberg hatte recht. Es ist ganz unmöglich zu wissen, was das Weib in der Küche ins Essen hinein zu tun beliebt. Falls nur die Menschen etwas vorsichtiger damit sein wollten, was sie in den Mund stecken, würden unsere Artzfreunde bald arbeitslos warden. Nein, Beeren, die sollst Du essen, das ist nichts Unreines. Komm mit, wir gehen in den Märchenwald, dort weiss ich, wo wir grosse, herrliche Blaubeeren finden können.”
Und während sie Blaubeeren assen, klagte Munch darüber, dass man ihn nicht in Frieden lassen konnte. Als er eines Abends von der Haupstadt nach Aaasgaardstrand kan, konnte er in seinem Häuschen nicht schlafen, weil die Fenster während seiner Abwesenheit verschlossen geblieben waren und es im ganzen Haus schrecklich roch: er hatte «einige Essenreste» bei der Abreise vergessen. Da war es kurzerhand in den Garten gegangen, und hate sich ins hohe Gras gelegt (das seit 30 Jahren nicht geschnitten was!). Früh am nächsten Morgen war Munch davon erwacht, dass eine ältere Dame, zweimal so dick wie ihr zuträglich war, ihm in den Magen trat. Es war fürchterlich gewesen. Aber natürlich hatte Munch Schuld und die Dame war die Gekränkte.
“Es war mein Garten,” erzählte Munch meinem Vater, Blaubeeren kauend, «es war mein Gras, und mein Magen, auf den sie trat. Aber sie war es, die aufschrie, wie ein Schwein auf der Schlachtbank quitschte – sie war es, die sich beklagte, als die Nachbarn angestürzt kamen. Es ergab sich, dass sie viele Jahre hindurch jeden Morgen durch das Gras meines Gartens gewatet war, frisch aus dem Bett, auf dem Wege zum morgendlichen Bad im Fjord. Und da hatte ich es gewagt, in ihren Weg zu legen! Ja, so ist es: wenn der Mensch seinen Fuss auf eine Kröte setzt, diese mit eisenbeschlagenem Absatz zertritt, dort, wo die Kröte ihr Zuhause hat, ja, wo Gott ihr ihren Platz in der Schöpfung angewiesen hat – dann schreit der Mensch auf, beklagt sich. Deine Tochter erzählte eine Geschichte von einem Jagdgesellschaft, schulterte das Gewehr und schoss ihm beide Beine ab, weil er so merkwürdig behende in seinem eigenen Urwald herumsprang. Das ist genau dasselbe, es ist immer dasselse. Sie morden und schreien dann auf: Der Schweinkerl blutet – er wagt es uns zu beschmutzen! Seltsam, seltsam … .»
Und dort im Walde, während sie Blaubeeren asen, Munch und Sigurd Höst, wiederholte Munch – im Jahre 1930 – ruhig, reflektierend, aber in grosser Verwunderung über die seltsamen Menschen, alles was er 1908 in seiner leidenschaftlichsten Verzweiflung “hinaufgeschrieben” und aufgezeichnet hatte:
“Freunde sind verkleidete Feinde – sie schleichen sich in Dein Haus, essen Dein Essen, trinken Deinen Wein und stossen Dir den Dolch in den Rücken … .»
«Diese Dame, ja, ich werde flüchten müssen, mach tein grosses Geschrei, weil ich es wage in meinem eigenen Garten zu schlafen. Was ist den eigentlich diese Freiheit, von der die Leute so viel reden? Sie war nackt und gross und dick, diese Dame, sie trat mir mit vollem Gewicht in den Magen – aber ich war’s, der angeklagt warden musste. Dieser Maler! Der Welt entsagen und ihrem Wesen, der Kunst dienen, seinem Rufe folgen: nein, das ist ein gefährlicher Kerl. Sperrt ihn ein!»

Einmal traf ich Munch oben in einer Seitenstrasse der Pilestredet in Kristiania. Er ging mit halb geschlossenen Augen, und ich ging vorüber ohne zu grüssen. Es gehörte zu den Lehren meiner Kindheit: Du sollst Munch nie grüssen. Er soll in Frieden spazieren dürfen. Dass ein kleines Mädchen vor ihm knickste, das konnte seine Stimmung zerstören.
Kaum war er vorbei, da drehte er sich um und begleitete mich dann ein Stück Weges.
«Haben Sie auch diese schlaue Strasse entdeckt?” fragte Munch mich. Für mich war sie eine alte Bekannte. Meine Schneiderin wohnte hier.
«Ich bin ein Flüchtling,» sagte Munch. «Der Feind macht Anstalten mich zu verfolgen, aber hier scheine ich geborgen.»
Damals war gerade eine Ausstellung seiner Bilder eröffnet. Er hatte diese früh morgens aufgesucht, so früh, dass er damit rechnen konnte, keinen Besucher anzutreffen.
«Aber eine Dame (eine im damaligen Kristiania sehr bekannte und geachtete Dame) war schon dort, und sie hielt mi reinen Vortrag. Sie erklärte mir meine eigenen Bilder! (Munch schüttelte sich.) Aber ich bin sicher, dass sie diese Strasse nie betritt. Heir will ich gehen.»
Und er spazierte weiter, mit einer Miene, die zu besagen schien: treffe ich diese Dame noch einmal, ist es aus mit mir.
Mit Munch existierten nie Vorbehalte wie “gesetzt den Fall – falls möglich – unter den Voraussetzung, dass …». Er kam immer plötzlich zum Vorschein – und wenn man es am wenigsten erwartete, stand er von einem. Ebenso plötzlich verschwand er wieder. Wie eine Sternschnuppe. Aber immer hinterliess er etwas, was einen dann lange bewegte.
«Die Macht ist wie eine Kugel. Wenn man sich nicht ständig daran klammert, rollt sie davon und ein Anderer mit starken Saugarmen saugt sie an sich.»
Ein Problem, das ihn stark beschäftigte, war dass Charons (11) Nachen so seltsam klein und leicht dargestellt zu warden pflegt.
“Der soll doch die Seelen übersetzen, nicht war? Über den Styx, nicht war? Und dann so klein? Da müssen ja die Seelen klein und leicht sein – eine Seele so leicht wie eine Feder, nein, wie eine Eiderdaune. Die Seele, die schwerer ist, wie eine Eiderdaune, muss zurück bleiben. Und was dann?”
Ich zitierte Hubbard, der die Ansicht vertritt, dass wir bei Anblick des Styx’ in Gelächter ausbrechen müssten, uns daran erinnernd, dass wir als kleine rosa Wesen zur Welt kamen und sie fett und kahlköpfig verlassen – und dass wir sie dabei die ganze Zeit so blutig Ernst genommen haben … .
“So,” antwortete Munch, “Sagt er das? Ich habe noch zu viel in mir von den Sagen des Kindermädchens, als dass ich an Gelächter in Verbindung mit dem Flusse Styx denken könnte. Ich sehe sie vor mir, wie sie zurück bleiben, die, welche zu schwer waren – und ich frage mich, was soll aus ihnen warden?”
Ich machte Munch darauf aufmerksam, dass der Maler Astrup (12) auch hiervon gesprochen habe.
“Da haben wir’s: Astrup lebte in der Urzeit – da oben in Jölster erinnern sie noch die wichtigste aller Lehren, die Wissenschaft über alle Wissenschaften: wie wir mit Charons Nachen über den Styx kommen sollen. Das Kindermädchen von heute hat das vergessen, den sie hat den Kopf voll von Tabellen. Wir bekamen Bazillen und Tuberkolose und starben – aber sterben, das sollen wir ja alle! Und wir bekamen zu wissen, wie wir über den Fluss Styx kommen sollen! Bleiben sie auf dem diesseitigen Ufer, alle, die zu schwer sind? Wird für sie Platz? Der Eine zertritt den Anderen, genau wie auf der Erde. Wo sind die Dichter? Warum schreibt niemand über sie, die nicht hinüber kommen? Man sollte sie malen!» Er schloss die Augen. «Das Ufer ist schmal – sie stehen aufeinander, krabbeln übereinander, einige liegen unten, andere schwingen sich hoch hinauf, drücken die anderen herunter. Delacroix! Hat der das nicht gemalt? Und Charon, schmertz es den Fährmann, dass so viele zurückbleiben mussten – oder war er erleichtert, dass sein Nachen nicht mehr fasste? Warum war er verurteilt, Seelen zu verfrachten, in alle Ewigkeit?»
«Nichts ist wie die Ahnung – das, was man ahnt, das was man glaubt zu sehen bekommen – die Erwartung dessen, was einem auf dem anderen Ufer entgegentritt. Man kann am Strande stehen und sehen, wie die Abendsonne das andere Ufer vergoldet, sodass es zauberisch-lockend leuchtet wie das wirklich gewordene Märchen. Man kann ein Boot nehmen und rudern, so kräftig, dass es um den Bug brausst, es gilt, die andere Seite zu erreichen, das Land der Verheissung. – Und wenn man angekommen ist, sind die Steine dort genau so grau wie am Ufer, von dem man absetzte. Es wäre besser gewesen, zu bleiben, wo man war – mit nicht zerstörten, ahnungsvollen Erwartungen. Vollendung bringt oft Enttäuschung – eigentlich immer.»
«Wie oft habe ich es nicht erfahren müssen? Mir begegnete eine schöne Frau und ich ahnte, dass die Seele hinter der herrlichen Erscheinung gross und schön sein müsse! Aber es war wie im Märchen: sobald sie den Mund öffnete, wälzten sich Kröten, Schlangen und giftiges Getier zwischen ihren anbetungswürdigen Lippen hervor. Noblesse oblige, heisst es doch. Verpflichtet denn Schönheit nicht?»

«Was erzählten sie doch gestern? Erzählen Sie mir nich einmal von dem Indianerjungen. Er verfolgt mich, dieser Junge. Heute Nacht wachte ich auf und musste an ihn denken. Das muss die höchste Weisheit sein. Lebenskunst. Wann vergass main hierzulande die Lebenskunst zu entwickeln? Jetzt weiss ich, was Sie gestern sagten: Sie sagten, dass Ihnen die Indianer das Leben zu leben schienen, um sich der Ewigkeit einzupassen, während die Europäer für das Zeitliche lebten. Und das suns die Indianer beschuldigen, der Kunst des Selbstbetruges zu huldigen, Na, und dann Ihr kleines Wasch-Mädchen! Die, die Ihnen erzählte, sie müsse sich mit dem guten Gott ordnen. Die Ihnen sagte, für Direktor Hansen und Generalkonsul Olsen brauchte sie sich anzustrengen. Ich könnte sie malen, ihre kleine Wäscherin. Eigentlich sollte ich sie vor allen anderen malen. Sie war klein, nicht war? Klein und lebhaft. Ich sehe sie vor mir, sie, die meinte, «il faut s’arranger un peu avec le bon Dieu …».

«Sich der Ewigkeit einzupressen, darauf kommt es an. Das einzig Notwendige. Eine Frau in einem Gebirgsdorf geht so vor 200 Jahren und hat einen Gedanken – der kommt zu mir, von Frau zu Frau – und findet seine Auferstehung in einem meiner Bilder. Und ich muss mich zurück tasten, möglichst bis zum ersten Morgen dieser Welt, zum Ur-Instinkt, zur Ur-Zeit, zum Unberührten. Gauguin suchte es auf Tahiti, Astrup besass es in Jölster. Er war damit herangewachsen. Es war ein Teil seines Wesens geworden. In den Bildern, in denen Jölster treu ist, ist er gross. Seine Kinder müssen das Erbe nach ihm aufnehmen. Das Erbe zusammen mit dem Kreuz. Dann kann man’s tragen. Jeder Mann, jedes Weib, die das Erbe aufnehmen und das Kreuz, sie bahnen den Weg für das Grosse. Es kann heute kommen oder in hundert Jahren, aber es kommt. Und alle, die das einzige, worauf es ankommt, bewahren und es schützen sind die Mitgestalter der Schöpfung!»

Carl H. Hudtwalcker, Oslo, 1964

carl-und-merete

Carl und Merete Hudtwalcker, 1946

Notizen

  1. https://www.emunch.no/person.xhtml?id=pe139
  2. https://www.emunch.no/person.xhtml?id=pe443
  3. Gyldendal Verlag, Oslo, 1953
  4. https://en.wikipedia.org/wiki/Isle_of_the_Dead_(painting)
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlecht_und_Charakter
  6. http://www.vigeland.museum.no/en
  7. https://no.wikipedia.org/wiki/Pola_Gauguin
  8. https://en.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Waugh
  9. https://en.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kinsey
  10. https://en.wikipedia.org/wiki/Inger_Alver_Gløersen
  11. https://en.wikipedia.org/wiki/Charon
  12. https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2016/10/nikolai-astrup-auf-einsamen-weg

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