Mit Kunst Die Fesseln Der Konvention Gelockert

«Frau Senatorin Hudtwalcker, eine schöne, jugendliche Erscheinung, sitzt im sommerlichen Strassenanzug auf einem vergoldeten Stuhl mit grünem Polster. Sie trägt einen Strohhut mit fallendem Rand und mit stahlblauem Atlasband, ein weisses Batistkleid, unter der Brust mit weisser Atlasschleife zusammengehalten; der blauseidene Umhang ist von den Schultern gesunken. Über Stirn und Augen liegt der Schatten des Hutrandes. Um den zarten Mund schwebt eine leises Lächeln. Aber wir warden von dem lieblichen jungen Antlitz nicht entfernt so  energisch angezogen wie von den virtous ausgedrückten Strohhut, in dessen Schleife das Licht spielt, und von der delikaten Toilette.»

Besser als Alfred Lichtwark kann man das Porträt der Elisabeth Hudtwalcker geb. Moller (1752 – 1804) das Jean Laurent Mosnier (1743 – 1808), gemalt hat, nicht beschreiben. Mosnier, geboren in Paris, erhielt seine Ausbildung an der Pariser Akademie St. Luc und wurde 1776 zum Hofmaler der Königin Marie Antoinette ernannt. 1788 konnte er noch Mitglied der Academie Royale warden, bevor er bei Ausbruch der Revolution 1789 nach London fliehen musste, wo er etwa sechs Jahre lang tätig war. Dadurch versäumte er die Hinrichtung seiner Arbeitsgeber.

1798 kam Mosnier für vier Jahre bach Hamburg. 1802 ernannte ihn die Zarin Elisabeth Alexejewna zum Hofmaler, und er zog nach St. Petersburg. Entsprechend seinen Lebensstationen besitzen der Louvre, die Eremitage und die Kunsthalle Gemälde von Mosnier.

Senatorengattin mit Eleganz und Humor

Das Bild der Senatorengattin besticht durch die vollendete Eleganz der Dargestellten und ihre natürliche, gelassene Haltung. Aus ihren verschatteten Augen blickt sie den Betrachter mit einem Anflug von Koketterie an, aber ein wenig Hunmor ist auch dabei. Durch die Beschränkung auf wenige Farben wirkt die Komposition ruhig und geschlossen: Bildaufbau und Inhalt – die Darstellung einer in sich ruhenden Persönlichkeit – entsprechen einander.

Elisabeth Hudtwalcker muss eine glückliche Ehe geführt haben; den ihr Gatte, der Kaufmann und Senator Johann Michael Hudtwalcker (1747 – 1818; http://hudtwalcker.com/the-senator-in-the-age-of-enlightenment/), wusste bei der Niederschrift ihrer Biographie nur Gutes über sie zu berichten: “Betchen” wie er sie liebevoll nannte, war ein Genie und hatte die Anmut einer Göttin. Ganz beiläufig lernte sie Latein, Englisch und Französich, wobei sie ganze Passagen aus Racines (1639 – 1699; https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Racine) Werken auswendig lernte. Sie tanzte Menuett und zeichnete von früher Kindheit an.

Später erhielt sie Unterricht in Pastell- und Ölmalerei und fertigte von ihren Tanten, Onkeln und Nichten Miniaturen an. Nach ihrer Heirat porträtierte sie auch ihren Gatten und die Schwiegereltern. Elisabeth Hudtwalcker war eine perfekte Gastgeberin und eine liebevolle Mutter ihrer fünf Kinder, die natürlich auch “Opfer” ihrer Malleidenschaft wurden.

Hudtwalckers führten ein grosses Haus, in dem sie illustre Gäste empfingen. Glückliche Sommer verlebten sie jedoch in einem gemieteten kleinen Garten von dem Deichtor, den der Architekt Johann August Arens (1757 – 1806; https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_August_Arens) ihnen anlegte. Auch be idem zweiten, grösseren Garten in Eppendorf übernahm Arens die Gestaltung.

Elisabeth Hudtwalcker wäre gern Malerin geworden, doch “sie hatte höhere Pflichten”, wie sich ihr Gatte in der Biographie ausdrückt. Ansporn und Ermutigung neben ihren höheren Hausfrauenpflichten dennoch weiter zu malen, erhielt sie von so illustren Kollegen wie Chodowiecki, Tischbein und Schadow. Daniel Chodowiecki (1726 – 1801; https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Chodowiecki) war ein Freund der Familie, der oft zu Besuch kam und ihre Arbeiten lobte.

Mit Malern und Literaten gut bekannt

Auf einer Bildungsreise nach Berlin, Leipzig, Dresden, Braunschweig und Wolfenbüttel trafen Hudtwalckers in Berlin Chodowiecki wieder. Sie besuchten aber auch den preussischen Bildhauer und Maler Johann Gottfried Schadow (1764 – 1850), der Frau Hudtwalcker riet, mit dem Silberstift zu zeichnen, so wie er es selbst gern tat.

Und auch den Besuch Jean Laurent Mosniers in seinem Hause hat Johann Michael Hudtwalcker vermerkt: “Mosnier kam hier, er malte sie, und sie (ver)dankte diesem grossen Künstler, der sie sehr schätzte, und an dessen würdige Frau sie sich innig anschloss, viel Belehrung, da er es gern sah, wenn sie während seiner Arbeit hinter seinem Stuhl sass, sich sehr über die ihrigen freute und sie gern, wenn e runs des Abends besuchte, mit ihre unterhielt.”

Elisabeth Hudtwalcker las besonders gern die frühen Oden ihres Onkels Friedrich G. Klopstock (1724 – 1803; https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Gottlieb_Klopstock), sie schätzte die geistreichen, ironischen Aphorismen des Schriftstellers Georg Christoph Lichtenberg und vertiefte sich gern in die physiognomischen Fragmente des Schweizers Johann Kaspar Lavater (1741 – 1801; https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Caspar_Lavater), in denen er versuchte, daseinzelne als Teil einer göttlichen Weltordnung zu sehen. Lavater war oft Gast im Hause Hudtwalcker.

Tischbein war der letzte Besucher

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 – 1829), der das Bild Goethes in der Campagna gemält hatte, war der letzte Besucher, den Elisabeth Hudtwalcker auf als aufgeklärte, gebildete Frau, der e simmer wieder gelang, mit Pinsel, und Farbe die Fesseln der Konvention zu locker.

Jean Laurent Mosnier war ein angenehmer Vorbote der für Hamburg nicht sonderlich angenehmen Franzosenzeit.


Katharina Baark

Hamburger Abendblatt, 14. September 1987

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