Geheime Thränen Im Wansbeker Gehölz

Zuletzt, am 28. Juni 1794, nimmt sie Abschied, endgültig, vom Mann und von den Kindern. „Ich kann menschlichen Ansehen nach nicht besser werden, ich muß aller Erfahrung nach eines fürchterlichen Todes sterben, aller dieser Erfahrung nach lange leiden.“ Sie empfiehlt Gott die Ihren, zunächst den Mann, „meinen mir mit jedem Tag theureren Milow“, dann Jakob, „meinen Erstgebohrenen“, Nikolaus, „dessen Karracter nicht minder edel ist“, Betty, „welche schon versorgt, schon selbst Mutter ist“, Karoline, die „alles zu einer guten Hausfrau besitzt“, Hannchen, „Gott segne sie!“, und Cilchen, die wie das „heftige“ Hannchen mit diesem unweiblichen „Temperamentsfehler so sehr zu kämpfen hat“, und die beiden Kleinsten schließlich, Henriette, „dein Seegen, mein Gott, über sie“, und Nikolinchen, gerade elf, „um dich leide ich am mehresten, eben weil ich am wenigsten für dich habe thun können…“

Margarethe Elisabeth Milow zerfrißt der Brustkrebs. Aus Angst vor der Operation hatte sie die Krankheit zunächst verdrängt, sie einem Quacksalber überlassen, und erst als die Schmerzen unerträglich wurden und das Geschwür schon aufgebrochen war, sich doch noch zum Chirurgus begeben. Auch dieser grausige Augenblick wird dem Lebensbuch anvertraut: „Ich machte die Augen zu, und – es war geschehen. Ich öffnete die Augen und sah die blutige Brust liegen. Dr. Seip wartete etwas, ich schloß wieder die Augen und der 2te Schnitt geschah. Es dauerte länger, und ich fragte: ‚Ists bald vorüber?‘ – und auch das wars bald… Ich ward übel, mußte mich übergeben … der Schmertz kam heftig.“

Margaretha Elisabeth Milow née Hudtwalcker, b. 2.10.1748 – d. 20.10.1794

Es ist zu spät. Zwar steht sie noch einmal auf, aber schon bald „verspürte ich (wieder) einen kleinen unmerklichen Knoten unter dem Arm der rechten Brust“; die Ärzte haben sie längst aufgegeben. So weiß sie es diesmal ganz sicher, daß ihr Buch, in dem sie ihr Leben aufgeschrieben hat, zu Ende ist: „Lieber Mann, liebe Kinder, vergeßt nie Eure Euch noch in jener Welt liebende Mutter.“

Vielleicht ist dies das erste Mal überhaupt – Medizinhistoriker werden das besser wissen –, daß eine Patientin solch eine Operation beschrieben hat, mit allen Ängsten davor und allen Illusionen danach. Wie so vieles hier erstmalig zu sein scheint, gerade gefühlt und gerade als Gefühl entdeckt, und versucht, es festzuhalten. Denn diese Selberlebensbeschreibung stammt nicht aus dem Umkreis hehrer Dichtung und hoher Bildung, sondern aus einem Pfarrhaus in Wandsbek bei Hamburg; keine Edelfrau, Äbtissin, Dichterin, Salon-Präsidentin spricht hier, sondern eine Hamburger Bürgersfrau, geboren 1748 als zweites Kind (von zehn) der Zuckerbäckerstochter Sara Elisabeth Ehlers und des Kaufmanns Jacob Hinrich Hudtwalcker, seit 1769 verheiratet mit Johann Nikolaus Milow, Prediger an der Ritterakademie zu Lüneburg und später Pfarrer in Wandsbek. Allein für ihre Kinder und ihn, den „lieben Mann“, hatte sie 1778, dreißig Jahre alt, begonnen, ihr Leben aufzuschreiben, als „ein Vermächtnis“, ein Bild zur Erinnerung, wie es in der Zueignung heißt – „Es ist gantz ähnlich, gantz ich selbst, und als solches sey es Dir immer werth.“

Inzwischen kennen dieses Vermächtnis mehr Leser als nur Mann und Kinder, zumindest, wer einer Abschrift aus dem Jahr 1909 vertraut hat, die 1986 im Hamburger Staatsarchiv gefunden und gleich veröffentlicht worden war. Es gab damals viele Zweifel, wie echt der Text sei, wieviel der Kopist weggelassen oder hinzugefügt habe. Erst 1990 tauchte, aus Privatbesitz, die Handschrift auf, die, nach mühevoller Entzifferung, jetzt endlich Buch geworden ist. Dabei konnten die beiden Herausgeberinnen Rita Bake und Birgit Kiupel erleichtert feststellen, daß die Abschrift, die ihrer ersten Ausgabe zugrunde lag, im wesentlichen stimmte. Doch, und das war die große Überraschung, das Original bot neben dem bekannten Text, in dem Elisabeth Milow die ersten 24 Jahre ihres Lebens erzählt, noch einen weiteren Teil, der von 1785 bis zu ihrem Tod reicht und von dem bisher nur ein paar kurze Auszüge bekannt waren. Was sie in den dreizehn Jahren dazwischen notiert hat, bleibt allerdings wohl für immer verloren, denn das gesamte Manuskript ist in einem Band zusammengebunden, und der bisher unbekannte Text – „dritter Teil“ genannt – schließt hier naht- beziehungsweise rißlos an den ersten Teil an. Es scheint, als habe die Familie, wahrscheinlich schon gleich nach Elisabeth Milows Tod, ein bißchen aufgeräumt; die letzten Zeilen vor der großen Lücke sind danach: „Mein Mann hatte sich mit meinen Eltern entzweit. Er war auf einen Mittag etwas verdrießlich und“ – Punkt, Punkt, Punkt.
Manchmal hat sich Elisabeth Milow aber auch selbst zensiert, hat allzu Offenherziges gleich wieder unleserlich gemacht, im hinteren Teil mehr als im ersten, wie der Ton hier auch hastiger und müder klingt, erschöpft. Der selbstbewußten Ouvertüre der ersten Hälfte, welt- und hoffnungsfroh, in weitem Bogen erzählt, folgt auf den Seiten des zweiten („dritten“) Teils eine Kette von Chroniken, Jahr für Jahr verfaßt, ohne den literarischen Ehrgeiz des Beginns; die Lust zu berichten weicht der Pflicht, Buch zu führen, Familienlogbuch. Und mit den Hoffnungen schrumpft auch die Welt; am Ende bleibt nur noch das Pfarrhaus nebst „Institut“, einem kleinen Internat für Kaufmannssöhne, der Nebenerwerb des Herrn Pastor, und das geliebte „Holtz“, „der Tempel“, das Wandsbeker Gehölz, ein freundliches, zum Park veredeltes Wäldchen (dessen straßenzerschnittene Ruine bis heute erhalten blieb), wohin sie sich flüchtet, um Atem zu schöpfen, zu beten, „geheime Thränen“ zu weinen. Was draußen vor sich geht, ist nicht mal als Kulisse mehr zu erkennen, nur einmal sehen wir, ganz kurz, einen Satz lang, Hamburg von der Hafenseite her, „mit Mastbäumen wie eine Wagenburg umschattet; es gläntzte köstlich“.

Und doch bleibt die Stimme, die hier spricht, sich seltsam gleich; Von der ersten bis zur letzten Seite. Keine Geisterstimme, eine lebendige Stimme, über die Jahrhunderte hinweg wieder lebendig geworden, frohgemut und zärtlich und ängstlich und einsam auch – und nicht von fern, sondern wie ganz aus der Nähe, so daß man im stillen Zimmer plötzlich einen Menschen neben sich sprechen hört, während doch bloß die Buchseiten rascheln.

Elisabeth Milow erzählt, sie plaudert und mahnt. Sie unterbricht sich, sie fällt sich selber ins Wort, sie kommt ins Stolpern, verrät schon gleich zu Beginn, was sie eigentlich erst am Schluß berichten wollte. Sie bleibt stehen, malt aus, dramatisiert mit großer Kraft, daß es einen schwindelt, flüstert, seufzt viel und hastet weiter, wie in Angst, immer wieder von „Ahndungen“ bewegt. Dann lächelt sie auch, amüsiert oder beschämt, und versucht zu verschweigen, was schon mehr als angedeutet ist – „Hand auf den Mund!“

Spricht sie wirklich zu Mann und Kindern, und heute zu uns? Oder zu sich selber? Sie will erziehen, die Kinder werden ermahnt, sie sollen aus dem Beispiel der Mutter lernen… Aber mehr noch versucht sie zu verstehen, wie sie selber erzogen worden ist. Wie sie Kind war und ein Mädchen wurde: „Ich sah einen Knaben von meinen Jahren, mit rohten Backen und schwarzen Haaren, und meine Kindheit war vorbey.“ Wie sie Kind war und lernte, ein Mädchen zu sein:
„Heute sind wir bei Möllers, zieh dein bestes Schnürleib an und laß dich gut frisieren!“ Aus welchem Stoff das gemacht ist, was man klaglos als das Leben hinzunehmen hat, die Illusionen, das Verzagen. Die Spielregeln. Die Gefühle, die den Spielregeln zuwiderlaufen, und die Gefühle, die diesen Spiel– regeln entsprechen. Wie man die Aufgabe löst, so ein Glück herstellt, „häusliches Glück, das größte Glück dieses Lebens“. Wie man lernt, daran zu glauben. Wie die Zweifel daran doch nie schwinden.

Liebesgeschichten. Nach dem unvermeidlichen Knaben mit den rohten Backen und den schwarzen Haaren – der Hauslehrer. „Er war jung, feurig, gefühlvoll, ich wars auch, und was mir mehr war, ich liebte ihn. Was würde aus uns, und besonders aus mir geworden seyn, wenn ich nicht gewacht, gekämpft, gebetet hätte? Ein armes, verführtes, unglückliches Mädchen, das ihre Eltern unglücklich gemacht.“ Währenddessen schieben dieselben probeweise schon mal den ersten Heiratskandidaten vor: „Auch war da ein Mann, er hieß Bless, ein sehr braver aber kränklicher Mann … schrecklich häßlich… Meine Eltern aber sprachen immer von seinem guten Hertzen, schöner Handlung, schönem Haus, großem Reichthum. Ich hörte (es) mit der größten Gelassenheit an, das dachte ich damahls noch fest: Kein Mensch in der Welt sollte mich zu einem Mann zwingen…“

Aber das alles ist nur Vorgeplänkel, nur ein bißchen Stimmen der Instrumente zu dem schönsten Stück dieses Buches: der Romanze mit dem vier Jahre älteren Octav, Johann Octav Nolte, der Lebensliebe, „eine Liebe wie Engel sie gegeneinander haben“.

Über allem die zarten Töne, der Schleier der Empfindsamkeit, ein Klopstock-Himmel. Zunächst nur hochgestimmtes Beisammensein: „Man las, man witzelte, empfindelte, schäkerte.“ Ein Theaterstück wird inszeniert – „Octav mußte mir darin die Hand küssen, und dies setzte uns beyde in große Verlegenheit“ – und pastorales Glück geprobt: „Johannistag Nachmittag hatten die Alten sich schlafen gelegt… Mein Bruder, meine Schwester, Octav und ich fuhren mit einem kleinen Boot nach der Rabe (einem Lokal am Alsterufer). Beym Ein- und Aussteigen mußte ich ihm die Hand geben, aber wie zitterten wir beyde. 1. Es war sehr windig, meine Frisur daher ziemlich in Unordnung, aber er brachte sie wieder in Ordnung. Wie wir wegfuhren, schrieb er an die Thüre: Der 25ste Juni, der glücklichste meines Lebens.“
Die erste gemeinsame, natürlich getrennt verbrachte Nacht: „Kam dann der Mond, der war unser Rendevous; vorher war die Stunde bestimmt, wo wir ihn zu gleich ansehen wollten und an ein ander denken, welche Thorheit, da wir doch an nichts anderes dachten.“ Schließlich der ungeheuerliche Sündenfall: heimliche Spaziergänge mit Octav auf dem Jungfernstieg! „Zuletzt wagte ichs so gar, ohne Schleier hinzugehn…“

Doch dann Sturm und Gewitter. Denn Octav, der Starke, der Heftige, ist bloß der Sohn eines bankrott gegangenen, des Betrugs überführten Kaufmanns und von Elisabeths Vater nur aus alter Loyalität im Hudtwalckerschen Kontor ausgebildet und angestellt worden – also nicht entfernt die Partie, die Elisabeths Eltern ihrer Tochter zugedacht haben. Kaum sind das heimliche Flüstern durch geschlossene Türen des Abends und die verräterischen Blicke bei Tisch entdeckt (der Kontorbedienstete Nolte wohnt mit im Haus), kaum haben die Eltern den Skandal gewittert, geraten sie in Panik. Nur ein „einziger Fehltritt“, womöglich noch „mit Folgen“, und der Marktwert der Tochter auf dem Ehemarkt fiele ins Bodenlose. Sie nötigen zu sofortiger Heirat, natürlich nicht mit Octav, dem Unbemittelten, sondern mit einem zwar auch etwas ärmlichen, aber doch sehr aufstrebsamen jungen Gelehrten: Johann Nikolaus Milow.

Nach Wochen des Ringens – „Ich sah Octav, sein Blick war Haß“ – gibt Margarethe Elisabeth Hudtwalcker sich geschlagen: „Hinunter, Hertz, mit deinen Wünschen.“

Sich hineinfinden, Strategien des Verzichts. „Ich sah Milow, er gefiel mir sehr. Das ist dein künftiger Mann, o, dachte ich, wie glücklich hätte ich seyn können, wenn ich den hätte lieben können.“

Elisabeth Milow macht etwas Erstaunliches. Sie unterbricht ihren eigenen Lebenslauf und erzählt die Kindheit und Jugend des – zehn Jahre älteren – Mannes. Als wollte sie sein Leben nacherleben, es teilen von Anfang an und sich im nachhinein das willkürliche Zusammentreffen ihrer beider Schicksale verständlich machen, da es doch die Erfüllung eines Plans sein mußte, Gottes Wille, durchaus erforschlich.

Sie findet ein Spiegelbild: Auch er mußte entsagen, mühselig sich sein Studium über Stipendien und Freitische ertrotzen, und blieb doch zunächst ohne Aussicht auf die heißbegehrte Professur oder wenigstens ein gutbepfründetes Pastorat. Entsagen aber, vor allem!, als Mann; denn auch er hatte geliebt, eine junge Engländerin, die jedoch, nach London zurückgekehrt, zu einer besseren Partie genötigt worden war – „Er hat noch oft in meinen Armen um sie geweint.“

So ist die Liebe den Liebenden ein Halt, wenn auch kaum die Liebe zueinander. Doch das findet sich, wie alles sich findet, wenn man nur nicht weiter sucht. Zumal Elisabeth Milow bald schon zum ersten Mal Mutter wird, welch eine Entschädigung – o nein, natürlich, Erfüllung, Erfüllung genug.

Nur einmal noch ahnen wir den Schmerz, den Preis des Verzichts, als am „Institut“ der junge Lehrer Mertens wirkt. Elisabeth Milow erwähnt ihn gern, erwähnt ihn oft, sehr oft, selbstverständlich stets nur in „mütterlichster Liebe“, als prospektiven Schwiegersohn, Wunschkandidaten für die älteste Tochter, die auch Elisabeth heißt, Betty… Ein heftiges Temperament, dieser junge Mertens, stark, stets im Streit mit Milow… Und plötzlich meint man, das Bild Octavs zu sehen, den fernen, unendlich geliebten Schatten.

Das Geld, natürlich das Geld. Ob die Aussteuer berechnet wird – „4000 Marek Kurant“ plus „1000 Marek Banco“ –, ob die Einkünfte aus den Predigerstellen abgeschätzt werden, auf die Milow sich bewirbt, ob der (etwas undurchsichtige) Streit mit der Familie Hudtwalcker immer wieder hochflammt: Keinen Moment kann der zärtliche, heitere, tugendhafte, gefühlsfromme Ton das harte Handeln überdecken, das dieses Leben bestimmt. Kalkulation ist alles. So arkadisch Elisabeth Milow viele Szenen ihres Lebens auch zusammenstickt, frei nach Chodowiecki, dahinter lauert stets die Katastrophe, das Nichts: der Bankrott. Der eine Bruder avanciert zum Ratsherrn, der andere muß den Offenbarungseid leisten. Immerhin: Familie M. hat, nach allerkargsten ersten Jahren in Lüneburg – „Milow, mein Geld ist auf!“ –, ein festes Bürglein gefunden, zumal Wandsbek, Gut und Ort und Pfarre, nicht der Hamburger Börse, sondern der dänischen Krone untersteht, Besitz des Grafen Schimmelmann in Kopenhagen, Gönner auch des Matthias Claudius, reich geworden durch Sklaven und Zuckerplantagen, bestialisches Rokoko.

Das Geld, das Geld. Und der Tod: all die Krankheiten, die nur knapp überstanden werden, oft seltsame, heute kaum noch zu identifizierende Leiden, „Kaltes Fieber“, „Faulfieber“, „Gallenfieber“. Geschwollene Gesichter und Haarausfall. Eiternde Zähne, offen vor sich hin schwärende Wunden. Die Schwangerschaften dann, vor jeder Niederkunft nimmt Elisabeth Milow Abschied von ihrem Leben, ordnet ihre Dinge, schreibt letzte Briefe. Ca. zwölf Geburten gelingt es ihr zu überleben, acht Kinder, zwischen 24 und elf Jahren, hinterläßt sie an ihrem letzten Tag, zwei Söhne und sechs Töchter.

„Unten Gewusel, oben Jakob so krank, und Milow nicht heiter“ – so lebt sich dieses Leben ab, Tag für Tag; einmal noch ist von einem Theaterbesuch die Rede, „Don Carlos“, kaum noch von Lektüre; einmal versucht man so etwas wie einen kleinen Urlaub, eine Reise ins Holsteinische und nach Lübeck: „Milow fuhr mit Widerwillen und war daher immer verdrießlich … schreckliche Stunden, herbe, tiefe durch Marek und Bein gehende Kränkungen… Cilchen ward in Lübeck sehr krank, Verdruß mit den Fuhrleuten schloß die Reise.“ Man spürt die Lebenstage kälter werden, müder. Für das Sich-selbst-Entgleiten fehlen die Worte, die wahre Empfindung verbirgt sich in Formeln, auch wenn Elisabeth Milow manches, vor allem die Hochzeit der ältesten Tochter, in der Seele aufwühlt: „O mein Gefühl als Mutter hierbey, nicht zu beschreiben … heilige Gespräche.“ Schließlich, wie ein letzter Triumph oder Trost, der Zinseszins der Lebensmühen, all der Liebesersparnis, strenger Kalkulation – Gottes Segen, des Glückes Unterpfand: der erste Enkel! Karl! Karlchen…

Und einmal noch, sie hatte es wohl nicht mehr erwartet, kehrt auch er zurück, Octav. Er ist im Ausland gewesen, in Livorno, ein ehrbarer Kaufmann längst, wird es später bis zum Ratsherrn in Lübeck bringen. Zu spät, zu spät Schreckt die Erinnerung sie? Reue, Bitterkeit? Verlorene Zeit, vergangene Zeit. Das Zittern verliert sich in Wehmut, der Schmerz verschwindet, sanft eingepackt, unter einem kleinen Epitaph: „Mit Wärme werde ich mich seiner, so lange ich lebe, erinnern, mich freuen, wenn ich ihn glücklich weiß, und das künftige Wiedersehen wird anders seyn.“

Was ist das für ein Buch? Ein Dokument? Ein Bund Kulturgeschichte, Alltags-, Sozialgeschichte? Versteht sich, natürlich, das auch. Die beiden Herausgeberinnen haben ihm ein ausschweifendes, liebevoll illustriertes Kompendium angefügt, ein „Sach- und Gefühlslexikon in alphabetischer Reihenfolge“, aus dem nicht nur der aufgeschlossene Feminist viel Nützliches zu lernen bekommt über „Keuschheit“ und „Keuchhusten“ und das „Stillen im Bürgertum“ und daß „1788 H. Schlottmann in Hamburg die ersten Zigarren herstellte“. Das ist gut aufklärerisch gedacht, noch besser gemeint und will gelobet sein. Als Kommentar zum Text jedoch, wie er diesem gebührt, taugt das nichts, führt von ihm ab, statt sich auf ihn zu konzentrieren, löst ihn auf in unzählige historische Apropos. Vielleicht haben Herausgeberinnen und Verlag da ihre eigene Autorin verkannt. Denn Margarethe Elisabeth Milows „Vermächtnis“ ist alles das, natürlich, versteht sich, tiefstes 18. Jahrhundert, aber eben doch noch ein bißchen mehr, ja, ein bißchen mehr. Nämlich: ein naives Meisterwerk, ein endlich, glücklich gehobener Schatz der deutschen Literatur. Eine gerettete Stimme.

Benedikt Erenz, 1994

LITERATUR

Ich will aber nicht murren; Sach-und Gefühlslexikon von Abschied bis Zuckerbäker
Margarethe Elisabeth Milow
Herausgegeben von Rita Bake und Birgit Kiupel; Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 1993

QUELLE

Die Zeit, 3. Juni 1994